Das Thuner Tram

Die Thuner Strassenbahn «Rechtsufrige Thunerseebahn STJ»* diente anfänglich als innenstädtisches Verkehrsmittel mit grösstenteils Halt-auf-Verlangen-Haltestellen. Ab 10. Oktober 1913 fuhr die gelbe Strassenbahn vom alten Bahnhof in zwei Richtungen. Die eine Linie führte vom Bahnhof über die Allmendbrücke, über den Sternenplatz durch die Marktgasse, danach über den Berntorplatz, beim Restaurant Emmental vorbei und dann Richtung Steffisburg.

Galerie Richtung Steffisburg

Die andere Linie startete ebenfalls beim alten Bahnhof, zweigte aber nach der Allmendbrücke rechts ins Bälliz ein, bei der Haltestelle Hauptpost vorbei wo sie dann mit einem ohrenbetäubenden Kreischen in die Freienhofgasse einbog, über die Sinnebrücke, danach etwas langsamer durch die enge Rechtskurfe in die Obere Hauptgasse, über die Ausweiche Lauitor sowie die Haltestelle Kursaal und weiter am rechten Thunerseeufer entlang bis nach Oberhofen fuhr. Zwei Monate später fuhren die Trams dann bis zur Beatenbucht und ab Sommer 1914 auf einer felsigen und gebirgigen Strecke mit teilweise wechselnden Strassenhälften via Sundlauenen bis nach Interlaken. Im Tourismusmuseum Interlaken befindet sich ein Modell dieses spektakulären Streckenabschnitts.

1923 verschob die STJ die Bahnhof-Haltestelle zum neuen Bahnhof. Die Anfangsstrecke führte danach zuerst über den Maulbeerplatz wo sie sich nach dem Überqueren der Bahnhofbrücke verzweigte auf das bisherige Streckennetz: Links durch das Bälliz Richtung Steffisburg; geradeaus Richtung Interlaken.

Galerie Richtung Interlaken

Die notwendigen Oberleitungen waren entweder an Masten oder Fassadenverbindungen befestigt, welche den elektrischen Strom der BKW Spiez, sowie ein internes Telefonnetz transportierten. Die alten Verankerungen sind teilweise heute noch an diversen Hausfassaden, die an der damaligen Tramstrecke standen, sichtbar (Beispiel Freienhofgasse 17, Bild links).

Zum vielseitigen Wagenpark gehörten neben den normalen Personenwagen auch Anhängerwagen, Postwagen, Gepäckwagen, Güterwagen, ein luftiger Sommerwagen sowie ein sogenannter Sprengwagen. Dieser besass ein 9000 Liter grosser Wassertank und wurde zur Verminderung der grossen Staubbelastung am rechten Thunerseeufer eingesetzt, indem er die Geleise mit Wasser besprengte.

In Gunten diente 1927 ein ausrangierter Anhängewagen zeitweise als Stationsgebäude.

Aus finanziellen Gründen hatte die STJ ihre Bahnanlagen möglichst billig gebaut und auch später wenig in den Unterhalt investiert. Unterbau und Schienen verlotterten und so musste im Jahr 1940 die Strecke Beatenbucht-Interlaken durch einen elektrischen Trolleybus ersetzt werden. Ab 1952 wurde dann die gesamte Strecke auf der rechten Thunerseeufer auf Busbetrieb umgestellt.

Die Linie nach Steffisburg blieb noch länger erhalten, erwies sich aber mit zunehmend als Gefahrenquelle für Autos und Velos. So wurde das Thuner Tram auch „Gelbe Gefahr“ genannt. Ab 1958 wurden dann auch auf dieser Strecke die Trams durch Trolleybusse ersetzt. Das letzte Tram fuhr am 10. August 1958 von Thun nach Steffisburg.

Der auf elektrische Oberleitungen angewiesene Trolleybus wurde dann nach und nach bis spätestens 1982 durch den Dieselbus ersetzt. Die charakteristische gelbe Farbe ihrer Fahrzeuge hat die STI bis zum heutigen Tag erhalten.

*Steffisburg-Thun-Jnterlaken (Interlaken schrieb sich Jnterlaken während der Belle Époque)

Videodokumentation Tramfahrt von Thun nach Steffisburg 1958

Quellen: Erinnerungen an die Rechtsufrige Thunersee-Bahn von Claude Jeanmaire, Elektrische Traktion am rechten Thunerseeufer von Sandro Sigrist, Thuner Stadtgeschichte, Diverse
Technische Informationen unter Wikipedia sowie Eingestellte Bahnen.

3 Gedanken zu „Das Thuner Tram

  • 20. Juli 2020 um 21:10
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    Sehr schöne Dokumentation. Ich kenne leider auch nur die Spiezer Verbindungsbahn, wo ich als Kind mit meinen Eltern die Ferien verbrachte.

    Antwort
  • 1. Mai 2020 um 13:11
    Permalink

    habe nur noch die strecke spiez bahnhof zum see in errinnerung da ich in spiez aufgewachsen bin

    Antwort
  • 22. April 2020 um 21:47
    Permalink

    Leider wie in Norditalien Varese Lino Como Ponte Tresa usw.

    Mit sonnigen Grüßen aus dem Kletterpark von Maccagno am wunderschönen Lago Maggiore wo Menschen sich begegnen können.

    Bernardo Johann HAFNER

    Antwort

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