Bälliz unteres – Unterbälliz

Bis zur Eröffnung des Bahnhofs Thun 1859, der sich damals noch bei der heutigen Gewerbestrasse befand, war das Unterbälliz grösstenteils unbebaut (grüne Fläche). Die alte Stadtmauer (schwarzer Strich) war noch vollständig erhalten und die Wohnhäuser wurden teilweise direkt daran angebaut und Fenster darin ausgebrochen. Ziegenställe und Pflanzplätze dominierten das Unterbälliz, teilweise auch unterhalb der Stadtmauer bis zur Aare hin. Ausschnitt aus einem Stadtplan von 1914:

Über die Geschichte des Hotel Falken wird in einem eigenen Kapitel ausführlich berichtet. Im Bälliz 31 befand sich von 1868–1909  das Bällizschulhaus. Der Amtsstatthalter von Thun bezeichnete den Zustand in der Gemeindeschule «in mehrerer Hinsicht» als «sehr traurig». Obwohl im Sommer nur die Hälfte der vom Land kommenden Kinder zur Schule gingen, war die Anzahl der Kinder in den Klassen im Bällizschulhaus viel zu gross. Zwei Lehrer unterrichteten 250 Kinder. In den 1870er-Jahren beschloss der Gemeinderat den Bau eines neuen Primarschulhauses auf dem Aarefeld, welches dann 1877 bezogen wurde.

1863 eröffneten Friedrich Segessemann einen Bazar auf dem Thuner Rathausplatz. Nach dessen Tod heiratete die Wittwe den Handelreisenden und Geschäftsmann Albert Schaufelberger. Dank gutem Geschäftsgang konnten die beiden 1909 die Liegenschaften im Bälliz 26 und 28 erwerben und dort eine Filiale errichten. Damals kauften sie die Ware an der Leipziger Messe und importierten sie ins Berner Oberland. Albert Schaufelberger gründete im Hinblick auf seine Nachfolge 1952 die heutige Schaufelberger AG. Diese befindet sich bis heute ausschliesslich in Familienbesitz. Der Hauptsitz im Bälliz wurde mehrmals umgebaut. So im November 1963, als dort die erste Rolltreppe im Berner Oberland in Betrieb ging oder 1972 wo die markante Blechfassadenverkleidung entstand.

1904 übernimmt Fritz Neuenschwander, der sich bereits an der Kantonalen Ausstellung von 1899 eine Medaille als Zuckerbäcker geholt hat, im Bälliz 23, das Geschäft seines verstorbenen Vaters Gottlieb. 1920 übernimmt Fritz Steinmann von seinem damaligen Arbeitgeber die 1889 gegründete Confiserie mit vier Angestellten. Das Geschäft floriert, aber langsam werden die Platzverhältnisse knapp. 1934 kauft Fritz Steinmann Bauland und am 1. Mai 1935 eröffnet er im Bälliz 37 das neue Geschäft, wo die Confiserie Steinmann bis heute, bereits in der vierten Generation, geführt wird.

Das alte Restaurant Brasserie Hopfenkranz im Bälliz 25 wurde 1874 erbaut und war ein Wirtshaus für bescheidene Ansprüche. Er bestand aus zwei Gebäudeteilen, welche einen rechten Winkel bildeten und einen Garten umfasste, dessen Kastanienbäume im Sommer Schatten spendeten. Im Erdgeschoss befand sich die Wirtschaft. Das erste Stockwerk erreichte man über eine Holztreppe im Freien, die auf eine Laube und von hier zum sogenannten Saal führte. Er blieb bis zum Anfang der 20-er Jahre Treffpunkt der organisierten Arbeiterschaft. Unter anderem wurde dort 1925 der Kanalbaustreik organisiert, was dazu führte dass ein Mittellohn von 90 Rappen für die Arbeiter des neuen Schiffskanals ausgehandelt wurde.  Das im Jahr 1933 komplett abgerissene und neu gebauten Gebäude beherbergte den Kings- und später den Sherlock Pub. Heute befindet sich dort der Elektroladen InterDiscount.

31 Jahre nach der Eröffnung des Hauptgeschäftes in Bern eröffnet das Warenhaus Loeb 1912 seine erste Filiale in Thun bei der Kuhbrücke. Da das Geschäft florierte und die Platzansprüche nicht mehr genügten, suchte man einen neuen Standort. Am Montag, 18. April 1955  eröffnet der Loeb im Bereich der ehemaligen Falken-Stallungen im Bälliz 39 vis-à-vis des Hotels Falken seinen Neubau. Das nicht mehr benötigte Haus bei der Kuhbrücke wurde der Migros verkauft, wo diese bis heute geblieben ist. Im Mai 1967, konnte das Warenhaus um die Liegenschaft Bälliz 41, wo vorher “Fräulein Studer” ihre Strickwolle verkaufte, erweitert werden.

Friedrich Zwahlen hiess der einst bekannte Thuner Möbelfabrikant aus Wattenwil, der es bis zum Gemeinderatspräsidenten von Thun brachte. Geboren wurde er 1844. Für die Lehre zog es den jungen Zwahlen in die Stadt Bern, wo er Tapezierer lernte. Nach vier Jahren kehrte er 1866 als Tapezierer nach Thun zurück und eröffnete im Bälliz 40 ein Möbelgeschäft (heute Bijouterie Bläuer AG, Flowerpoint GmbH und Franz Carl Weber). So baut der engagierte Unternehmer sein florierendes Möbelgeschäft nach und nach zu einer Fabrik aus, in welcher er bis zu 40 Arbeiter beschäftigt. Bereits um die Jahrhundertwende verkauft Friedrich Zwahlen eigene Betten und Möbel an Hotels, Spitäler und Heime in der ganzen Schweiz.

Anfang 1871 übernimmt er, nun 27-jährig, das 1851 entstandene Bällizbad samt Speisewirtschaft und Kegelbahn, welches sich im Bälliz 33 und 33a befindet (Heute: Schuhladen Dosenbach). In diesem Bad gab es von 7 bis 20 Uhr warme oder kalte Wannenbäder, auf Wunsch auch Sol- und Eisenbäder oder ein Kräuterbad. Das Wasser für den Betrieb wurde jeweils aus der Aare gepumpt. Im Erdgeschoss befanden sich, ausser einigen Gesellschaftszimmern «10 heitere, einladende, mit dem nöthigen bequemen Mobiliar versehene Badezimmer, wovon vier mit 2 und fünf mit 1 Badekasten versehen und mehrere davon durch eiserne Oefen heizbar waren». Zudem konnte man sich hier schröpfen lassen und die dazugehörende Wirtschaft besuchen.

1876 erhielt Friedrich Zwahlen unternehmerische Unterstützung von seiner Frau Anna. Die beiden verlegten ihre Möbel- und die Bettwarenhandlung in das neu erbaute Magazin neben dem Bällizbad. Ambitiös setzte Friedrich Zwahlen seine Erfolgsgeschichte fort. 1878 begründete er den Handwerkerverein Thun mit. Derweil sich seine Frau Anna vor allem um den Betrieb des Bällizbades kümmerte, wurde der Unternehmer 1885 gar in den Gemeinderat gewählt. In den 1910er-Jahren wurde das Bällizbad geschlossen und 1923 verkaufte Zwahlen seine Möbelfabrik im Bälliz 40 seinem ehemaligen Mitarbeiter, dem Tapeziermeister Arnold Scharnhorst. 1927 stirbt Friedrich Zwahlen. Von da an hiess das Geschäft Möbelfabrik Scharnhorst. Diese wurde 1972 geschlossen.

Bis 1958 fuhr auch noch das Thuner Tram durch das Bälliz. Der zunehmende Individualverkehr setzte das Unterbälliz zunehmend an die Belastungsgrenze. Gerade an Samstagen, führte der Wochenmarkt sowie der Suchverkehr, da man im Bälliz noch parkieren konnte, teilweise zum vollständigen Kollaps. So wurde im Jahr 1980 im Unterbälliz eine verkehrsarme Zone und ab 1987 die erste Fussgängerzone in Thun eingeführt.

Quellen: Thun Türme, Tore und Gassen nach 1800 von Peter Küffer, BZ 2006.2016 Franziska Streun, Verein Thuner Stadtgeschichte. Der Bund 19.04.1955, TT 21.08.1987, TT 23.11.1963, TT 24.12.2016, Jubiläumsmagazin 100 Jahre Confiserie Steinmann, insa, Migros Genossenschaftsbund, Schaufelberger AG, LOEB AG, Thuner Stadtgeschichten, Diverse

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