Ausstellung 1899

Sondermünze von 1899 aus Silber
Sondermünze von 1899 aus Silber

Bernisch- kantonale Industrie- und Gewerbeausstellung 1899

Vom 4. Juni bis 15. Oktober 1899 war Thun das Ziel von Tausenden von bernischen Ausflüglerinnen und Ausflüglern. Damals fand die erste Kantonal-bernische Ausstellung (Kaba) statt und zwar, wie es im Führer hiess, «am Schienenstrang Thun-Scherzligen» auf der damaligen Velomatte. Das heisst, ungefähr dort, wo sich seit 1923 Richtung Seefeld die Geleiseanlagen des neuen Zentralbahnhofs befinden. Denn 1899 existierten nur die kleinen Bahnhöfe Thun-Stadt und Thun-Scherzligen. (Weitere Informationen über die Velomatte weiter unten).

Wie die heutigen Ausstellungen OHA in Thun oder BEA in Bern deckte die Thuner Kaba 1899 alle Bereiche des menschlichen Seins und Schaffens ab: Wohnen und Bekleidung, Gärtnerei, Kunsthandwerk (Skulpturen aus Grindelwaldner Marmor) und Kunst – und natürlich auch die Landwirtschaft mit Viehschauen (Pferde, Kühe und Hühner). Vielen Abteilungen eignete ein ganz anderes Gepräge als in der Gegenwart. In der Abteilung Handwerk etwa waren Sattlerei, Korberei und Seilerei prominent vertreten, da ihnen damals eben eine viel grössere Bedeutung zukam. Eine kleine Abteilung, ganz im Gegensatz zu heute, war dem Sport gewidmet. Da ging es vorab um das Bergsteigen. Das Velofahren nahm nur eine unbedeutende Rolle wahr. Eine damals noch in den Kinderschuhen steckende Abteilung war die Fabrikhygiene und die Unfallverhütung. In der Maschinenhalle waren Pferdefuhrwerke neuester Konstruktion zu sehen, aber auch Petroleum-Motoren und Elektromotoren, die damals ihren unaufhaltsamen Aufstieg und Siegeszug begannen.

Täglicher Anzeiger für Thun vom 06. September 1899Dass die Halle mit Lebens- und Genussmitteln und Degustationsmöglichkeiten sehr regen Zuspruch genoss, wird nicht erstaunen. Das ist doch in der heutigen Zeit immer noch so. Eine besondere Attraktion war ein Aussichtsturm von 21 Metern Höhe. Er musste nicht mühsam zu Fuss bestiegen werden, denn die Gäste konnten sich mühelos mit elektrischem Lift auf die Plattform heben lassen. Den Lift lieferte übrigens die auch heute noch weltweit tätige Schweizer Firma Schindler. Viel Aufmerksamkeit galt auch drei Ballonaufstiegen und -flügen mit dem damals sehr bekannten Schweizer Luftfahrtpionier, Ballonkapitän und Fotografen Eduard Spelterini (mit richtigem Namen Eduard Schweizer). Die damalige Thuner Tagespresse meldete: «Es muss eine herrliche Fahrt gewesen sein droben in der klaren Luft, ungestört die Rundsicht auf das schöne Vaterland».

Die Kaba 1899 war ein voller Erfolg. An Sonntagen strömten bisweilen rund 7000 Zuschauerinnen und Zuschauer in die Ausstellung, für damalige Zeiten eine sehr respektable Zahl. Der Eintritt kostete ein Franken (Kinder 50 Centimes), vor hundert Jahren ein nicht geringer Betrag. Dass der bernische Regierungsrat und der Grosse Rat des Kantons Bern die Kaba in corporé besuchten, war damals mehr als selbstverständlich. Die Eisenbahn setzte Extrazüge ein und vom alten Bahnhof Thun aus, wurde ein Pferdeomnibus zur Ausstellung eingerichtet, wobei der Tarif zehn Centimes für die einfache Fahrt betrug. Der  erste Preis bei der Ausstellunglotterie war ein Schlafzimmer. Ein Pferdeknecht war der glückliche Gewinner.

Nach Ausstellungsende wurde die Idee geprüft, aus dem Areal einen Stadtgarten und –park zu machen, ein Projekt, das allerdings nicht realisiert werden konnte. Die Bevölkerung war des Lobes voll über die erste Kaba in Thun, aber auch die Tagespresse äusserte sich durchaus positiv. So war etwa zu lesen: «Es war wunderschön. Das sagten alle, die dabei waren: Der vielgereiste Mann, der in der weiten Welt schon manches gesehen hat, und das einfache Bauernmüetti, das selten mehr von zu Hause fortkommt».  Ersf fünzig Jahre später erfolgte die zweite Kaba 1949 jedoch die geplanten Kaba 1974 wurde nie realisiert.

Quelle: Berner Zeitung vom 22.07.2011, Jon Keller, Rund um den Schlossberg von Züsi Jakob, S. 40, Diverse

Ehemaliger Standort der Ausstellung oder wie die Velomatte zu ihrem Namen kam
von Jon Keller, Jahresbericht Schloss Thun, 1997

Damaliger Standort (Velomatte)

«Hebung Thuns als Fremdenort» so hiess die Zweckbestimmung der 1872 gegründeten Baugesellschaft Thun, eine Maxime, die in den vergangenen Jahrzehnten bis in die Gegenwart ihre Gültigkeit bewahrt hat und um deren Realisierung sich verschiedenste Kreise der Wirtschaft und des Tourismus, aber auch Vereine und die öffentliche Hand bemühten und immer noch bemühen, um Thun dank vielfältigsten Aktionen für Schweizer und Ausländer attraktiv zu machen.
So erwachte Ende 1889 in einigen Thunern die Idee, das III. Eidg. Velo-Wettrennen in Thun durchzuführen, womit allerbeste Propaganda für Thun als Fremdenort hätte gemacht werden können. Der Plan konkretisierte sich, und so konstituierte sich im Februar 1890 hochoffiziell ein «Organisationskomitee für das III. Eidg. Velo-Wettrennen in Thun vom Juli 1890». Wird in unseren Tagen ein Grossanlass wie etwa ein Eidg. Schützenfest oder ein Eidg. Jodlerfest durchgeführt, erfolgt die Einsetzung eines Organisationskomitees nicht bloss Monate, sondern Jahre zuvor. Anders war es 1890 in Thun, wurde das OK doch nur einige Monate vor Beginn des Anlasses gegründet, obschon das Velo-Wettrennen durchaus als Grossanlass einzustufen war.
Mitte Mai endlich wurden die Bauarbeiten aufgenommen. Als willkommenes Auffüllmaterial für die Velorennbahn diente Schutt der alten, mächtigen Kaserne im Bälliz, deren Abbruch die Versammlung der Einwohnergemeinde am 24. März 1890 beschlossen hattet Der Abbruch begann am 1. April 1890. Was den Kasernenschutt als Grundlagenmaterial für die Velorennbahn betraf, meinte die Tagespresse: «Wer hätte je geglaubt, dass das alte Ungethüm einst so modernen Zwecken dienstbar gemacht werden könnte?» Am Rande der Rennbahn wurden Sträucher und kleinere Bäume gepflanzt. Sie stammten vom Thunerhof-Areal, wo sie dem Bau der katholischen Kirche weichen mussten. Dank dieser Anpflanzungen konnte die Velorennbahn, wie in der Tagespresse zu lesen war, auch als «Promenadenanlage» für die fremden Gäste dienen.
Am 28. Juni 1890 konnte das Thuner Geschäftsblatt die Vollendung der Velorennbahn melden, wobei die Erstellungskosten mit budgetierten 2000 Fr. erstaunlich niedrig ausgefallen waren. Die Bahn war 400 m lang und 5 m breit.
Der Veloklub wollte die Velorennbahn möglichst umgehend einweihen, der schlechten Witterung wegen musste die feierliche Einweihung jedoch mehrmals verschoben werden, bis es dann am 17. Juli klappte.
Anlässlich der Eröffnung, der ein zahlreiches Publikum folgte, fand ein Parzellierungsplan für Corso durch das Bälliz sowie ein Sektionsfahren, ein Einzelfahren, ein Kunstfahren, ein Fackelfahren und ein Lampionfahren mit Feuerwerk statt. Musikalisch wurde das Programm durch Darbietungen der Stadtmusik bereichert. Glanzvoll war nicht nur die Einweihung der Velorennbahn, sondern, nur wenig später, das IIL Eidg. Velo-Wettrennen vom 26. bis 28. Juli 1890. Das Wettrennen stellte für die Velorennbahn eine Bewährungsprobe dar, welche zur Zufriedenheit aller gemeistert wurde. Am Samstag, 26. Juli konstituierte sich das Kampfgericht, und am Vormittag des Sonntags wurde ein Corso durch die Innenstadt durchgeführt. Die ersten Rennen, zu welchen sich sehr viele Athleten angemeldet hatten, fanden am Sonntag-Nachmittag vor zahlreichem Publikum statt: Juniorfahren, Internationales Fahren, Hindernisfahren, Kunstfahren, Meisterschaftsfahren, Gruppen- und Reigenfahren sowie Sektions-Wettfahren. Ein festliches Bankett stand am Sonntagabend auf dem Programm. Am Morgen des Montags wurde eine spezielle Seerundfahrt für die Velofahrer organisiert, und anschliessend wurden weitere Rennen durchgeführt. Die Preisverteilung endlich – umrahmt von Darbietungen der Stadtmusik, des Turnvereins und des Chores Frohsinn – folgte am Montag-Nachmittag. Eine Festhütte schliesslich, welche um die 2000 Personen aufnehmen konnte, sorgte für das leibliche Wohl. Die eigentliche Velorennbahn wurde mit der Zeit aufgehoben. Die Velomatte indessen diente weiterhin für verschiedenste Veranstaltungen. Auswahlsweise seien genannt: Zirkus- und Kinematographenvorstellungen, Theater- und Menagerievorführungen, und schliesslich wurden zur Volksbelustigung bisweilen auch eine Konzert-Orgel oder ein Dampfkarussell aufgestellt.
Wem die Stunde schlägt! Für die Velomatte war es in den 1920er-Jahren soweit, als sie dem neuen Zentralbahnhof weichen musste: wo früher Velorennen durchgeführt wurden, liegen heute die Anlagen des Thuner Bahnhofs.

 

Ein Gedanke zu „Ausstellung 1899

  • 6. Juli 2020 um 16:44
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    Habe eine Taschenuhr vom Opa geerbt, Ist eine Stupenda Remontoir Cylindre 10 Rubis Galonne 4 25388 und sind 4 Abbildung, 2 stück mit einer Dame die nach links schaut wie bei der Münze in diesem Artikel, und dann noch 2 die Thun 1899 sagen. Die Abbildung sind Rund.

    Ich würde ziemlich gerne Bilder zeigen, ist aber hier denk ich mal nicht möglich.

    Es ist interessant wie Alt diese Uhr schon ist, jedoch funktioniert sie nicht mehr.

    Schön die Geschichte einer Uhr zu kennen.

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