Schwäbis & Flussbad

Schwäbis heisst der idyllische Aarebereich, wo die innere und die äussere Aare zusammenfliessen. In dieser sumpfigen und oft nebligen Landschaft stand das Wasser früher, bevor der Strom im 19. Jahrhundert gefasst worden war, häufig beinahe still, es “schwebte“. Dieses schwebende Wasser gab dem Gebiet seinen Namen.

Viele Leute konnten nicht schwimmen. Es kam häufig zu Ertrinkungsunfällen, gerade in Thun, wo der See und die Aare viele Bademöglichkeiten boten. Deshalb wurde Mitte des 19. Jahrhunderts der Wunsch laut, eine Badeanstalt zu errichten. Anfang 1860 gründeten einige Stadtbürger eine Badeanstalt-Aktiengesellschaft, welche schon im Juni desselben Jahres das erste Thuner Schwimmbad, das Flussbad Schwäbis, eröffnete: «Es enthält 7 wohl verschlossene Badezellen, zu welchen man auf einem offenen Vestibüle gelangt; es ist circa 20 Schritte lang, und das Flusswasser gelangt unter die Zellen, in welchen man wohl geschützt auf Stiegen in’s Wasser steigt. Der innere Arm längs dem Ufer bildet ein Bassin, das aarabwärts geschlossen, beim höhern Wasserstand so viel Wasser hat, dass Schwimmübungen darin vorgenommen werden können. Mit dieser Badanstalt ist zugleich eine Turnanstalt mit zahlreichen Geräthschaften verbunden, die neben dem Bassin am Aarufer, von Bäumen umgeben sich befindet.» 1869 erbaute hier Architekt Friedrich Hopf das heute denkmalgeschützte Flussbad im Schweizer Holzstil, welches als bedeutendes Beispiel der Badehaus- und Tourismusarchitektur gilt.  1884 kaufte die Stadt das Flussbad für 1200 Franken. 1946 wurde das Bad gesamtrenoviert und erweitert. Der Hauptrakt wurde dabei von der Mitte an den rechten Aarerand verlegt. 1922 eröffnete die Stadt Thun zusätzlich im Lachenkanal die erste öffentliche Seebadeanstalt, das heutige Strandbad.

Die Gäste der Badeanstalt im Schwäbis badeten streng nach Geschlechtern getrennt, und zwar nicht wie in vielen andern Bädern in verschiedenen Abteilen des Bades, sondern zu unterschiedlichen Zeiten. In den Anfangszeiten war das Bad täglich am Morgen von fünf Uhr bis sieben Uhr und am Nachmittag – nicht aber am Sonntag Nachmittag – von halb drei Uhr bis vier Uhr für die Frauen reserviert; den Mädchen stand es nur am Mittwoch und Samstag Nachmittag von zwei bis vier offen. Alle übrigen Zeiten waren dem männlichen Geschlecht vorbehalten. Damit durften die Männer und Knaben dreimal länger baden als die Frauen und Mädchen. Ein Ungleichgewicht zugunsten der Männer blieb auch im 20. Jahrhundert bestehen; erst ab 1939 badeten beide Geschlechter im Schwäbisbad gemeinsam. Um die in der offenen Aare Badenden vor neugierigen Blicken zu schützen, wurde am Ufer eine hohe Ladenwand errichtet. Der Eintritt ins Bad kostete 15 Rappen.

Für das Grundwasserpumpwerk zur Wasserversorgung erstellte die Stadt 1883 einen Gewerbekanal, der etwas oberhalb der Badeanstalt im Schwäbis Wasser aus der äusseren Aare abzweigte und eine Turbine antrieb. Die Grundwasserpumpe verbrauchte nur einen Teil der produzierten Energie, der Rest wurde kostengünstig ans Gewerbe abgegeben, zuerst mit Drahtseilübertragung. Als erster Thuner Wirt richtete 1891 der Bierbrauer Gottfried Feller im Restaurant Brauerei in der Schwäbisgasse eine elektrische Beleuchtung ein. Den dazu notwendigen Strom lieferte der «Wassermotor» seines Brauereibetriebs. Weil die Nachfrage nach elektrischer Energie rasch anstieg, baute die Stadt ab 1889 verschiedene Wehrschleusen in die Aare ein und erstellte 1896 an der Scheibenstrasse ein Elektrizitätswerk. Die wartungsintensiven Wasseräder wurden nach und nach durch moderne Turbinenanlagen ersetzt.

Ab 1913 produziert die Berna Milk Company im Schwäbis Trokenmilch. Beim Bau des Fabrikgebäudes kamen Reste eines römischen Gutshofes zum Vorschein. 1935 ging das Unternehmen in Konkurs. Ausserdem im Schwäbis befindet sich das Tramdepot der Thuner Strassenbahn, welches noch heute die STI-Busse beherbergt. Um ca. 1890 eröffnete im Schwäbis ausserdem das kleine Café Bellevue, das heutige Restaurant Bellevue, welches zu seiner damaligen Nähe zur Pferderegieanstalt aber immer noch “Rossgagupintli” genannt wird.

 

 

Quellen: Die Stadt Thun und das Wasser in den letzten 300 Jahren von Anna Bähler; Johannes Saurer, Architekt; Die Polysportanlage Lachen in Thun, GSK; Diverse

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