Hauptgasse untere

Bei der zweiten kyburgischen Stadterweiterung um 1250, die die Stadt gegen Nordwesten abschloss, erstreckte sich die Unterstadt nun vom Rathausplatz bis zum Berntor. Die Untere Hauptgasse war entstanden, allerdings ohne die charakteristischen Hochtrottoirs wie in der Oberen Hauptgasse.

Von 1913 – 1958 fuhr das Thuner Tram durch die Marktgasse kommend durch die Untere Hauptgasse in Richtung Berntorplatz.

1860 gründeten die Gebrüdern Johann und Friedrich Eberhard an der Unteren Hauptgasse 12 eine Eisenwarenhandlung. In der Zeit von 1885 bis 1907 führte das Geschäft Adolf Widmer. Durch Heirat der Töchter kamen 1907 die Namen Stegmann und Dubs ins Spiel, wovon ab 1918 nur noch der Erste «im Rennen» blieb. Den Frauen dürfte zu verdanken sein, dass die Eisenwaren um eine Abteilung Haushalt ergänzt wurden. Diese musste wegen Platzmangel während Jahren ins Bälliz verlegt werden. Nach einem Umbau an der Hauptgasse 1955 kehrte sie ins Stammhaus zurück. Die Heirat von Walter Gerber und Greti Stegmann führte zum Betriebsnamen Gerber-Stegmann (heute  Ferroflex). 1986 zog die Firma ins Handwerkerzentrum nach Allmendingen.

Hotel Ochsen (Taverne zum roten Ochsen) abgeleitet von «Taubema» (Laden, Tisch, Bude, Hütte armer Leute). Die «Ochsen-Taverne» ist neben dem Freienhof oder dem Weissen Kreuz eines der ältesten Hotels in Thun. Es wurde um 1500 erbaut und mit einem Riegbau erweitert. Im Burgerarchiv sind sehr viele Akten und Dokumente vorhanden, doch wurden diese – eigentümlicherweise – nie erforscht. Ab dem Jahre 1687 gehörte der «Ochsen» der Stadt Thun (Burgergemeinde). Sie erwarb es von den Töchtern des Rudolf Zyro. Es blieb bis zum 24. März 1862 in deren Besitz und wurde von Samuel Aeberhart gekauft. Während der «Ochsen» im Besitze der Stadt war, wechselten die Pächter fast alle drei bis vier Jahre. Zum «Ochsen» gehörte auch die «Ochsenscheuer» mit Wohnung (später Büchsenmacherei Grunder). Das Wirtschaftsschild stammt aus dem 19. Jahrhundert. Während der Umbauarbeiten im Jahr 1980 kam unter dem Erdgeschossboden ein noch erhaltener Sodbrunnen aus dem Mittelalter zum Vorschein, welcher leider entfernt wurde. Heute befindet sich im ehemalige Roten Ochsen ein Cabaret unter dem Namen RedOx und erinnert damit, wohl nicht freiwillig, an seinen ursprünglichen Namen.

Die 1863 gegründete Spar + Leihkasse Steffisburg AG (heute Valiant Bank) besass in der Unteren Hauptgasse 17 ab dem Jahr 1907 eine Thuner Filiale, bevor sie dann 1931 an den Maulbeerplatz zog.

Im Jahr 1925 wurde das Restaurant Schwert  unter der dem Beizer D. Stauffer Emmenegger geführt. Bereits damals konnte man schon Gnagi mit Erbsensuppe bestellen. Am 10. Oktober 1964 begann die damals knapp 22jährige Käthi Menetrey als Serviertochter im Restaurant Schwert – von Insidern «Sabu» genannt – zu arbeiten. Ab 1965 führte sie das traditionelle Restaurant zusammen mit ihrem Mann. Als dieser 1976 starb, führte Käthi Menetrey die Beiz zusammen mit ihren Töchtern Beatrice und Doris weiter. Gleichgeblieben sind auch die Schwert-Spezialitäten: Kutteln mit Tomatensauce oder Erbssuppe mit Gnagi. Sogar das heutige Team ist der Schwert-Tradition treu geblieben. Gnagi und Erbsensuppe sind bis heute auf der Speisekarte geblieben.

Die Metzgerei Lüthi wurde 1884 gegründet. Die Metzgerei war besonders für den feinen Beinschinken bekannt. Aus familiären Gründen schloss 1984 der Thuner Metzgermeister und Gemeinderat Kurt Lüthi nach 22 Jahren sein Geschäft, an der Unteren Hauptgasse 16, in der vierten Generation. Das Haus verkaufte er an die Basler Firma Hosen Saloon AG. Heute befindest sich dort das Geschäft «Mirabi Orientteppiche».

1908 erwarben die Brüder Jonas und Léon Geismar, ursprünglich aus Grüssenheim (Elsass) die Liegenschaft an der Unteren Hauptgasse 14. Darin befand sich das Tuchgeschäft Matthäi sowie das Gasthaus Rebstöckli. Die Brüder liessen das Gebäude teilweise abbrechen und mit Neubauten ergänzen und eröffneten am 13. Dezember 1913 ein Warenhaus unter dem Namen «Zur Stadt Paris». 1963 vermieteten die Geismars die Liegenschaft der Familie Tschui und verkauften es ihr in den 1970er-Jahren. Lucien und Edmond Geismar, die beiden anderen Brüder, betrieben seit 1904 ein Warenhaus mit demselben Namen am Centralplatz in Interlaken, wo auch Jonas und Léon zuvor gewohnt und im Geschäft mitgeholfen hatten. Vor und während des Zweiten Weltkrieges verpflegten die Geismars in Thun am Sabbat und an den jüdischen Feiertagen jüdische Schweizer Soldaten im Aktivdienst und Rekruten mit koscherem Essen. In den Kriegsjahren mussten diese in Thun bleiben und besuchten an Samstagen und Feiertagen den Gottesdienst im Betsaal im Hotel Schweizerhof Thun an der ehemaligen Bahnhofstrasse.

An der Einmündung zur Marktgasse befand sich das Restaurant zum Anker. Erbaut wurde es 1796 durch Burger Gottlieb Lantzrein (1764-1850) und wurde von 1797 bis 1837 als Pinten,- und Stübliwirtschaft geführt. Von 1865 bis 1919 als  «Restaurant zum Anker». Von 1919 bis 1980 befand sich im Haus zum Anker die Werkzeug- und Eisenhandlung der Familie Schweizer. Heute befindet sich dort die Boutique Aventura.

Quellen: Jüdisches Leben in Thun von Franziska Streun, Insa, BZ, 16.11.2009, TT, 26.09.1980, TT, 10.10.1994, TT, 29.09.1984, Diverse

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