Allmendtor & Allmendbrücke

Das Allmendtor, welches beim westlichen Stadteingang im Unterbälliz bei der Allmendbrücke lag, wurde in vergangenen Zeiten auch als Lampartertor und später als Kühtor vermerkt und war Teil der umschliessenden Stadtmauer. Der Name Lampartertor erinnert an eine Kolonie von Lombarden, die beim damaligen Zolltor Bank- und Geldwechselgeschäfte tätigten. Das Tor wurde 1283 erbaut und 1511 neu erstellt. Ab 1585 besass das Tor ausserdem eine Turmuhr, sowohl gegen die Aare wie auch ins Bälliz sowie ein Glockentürmchen. Als die Allmendbrücke erweitert wurde, musste es wie vorher schon das Lauitor (1839) oder das Scherzligtor (1851) dem zunehmenden Verkehr weichen und wurde 1853 abgebrochen.

Die Allmendbrücke war vorher lediglich eine Fussgängerüberqerung und wurde dann ab 1858 dem “schweren Verkehr” wie Kutschen oder Kühe, welche über die Kuhbrücke Richtung Allmend gingen, freigegeben. Links neben der Brücke befand sich das sogenannte Engemannhaus, benannt nach dem Fürsprecher Karl Ludwig Engemann. Nach dem Tod des Besitzers ging das praktvolle Haus an die Spar- und Leihkasse über, welche an seiner Stelle im Jahr 1900/1901 ihre neue, nach stattlichen grossstädtischen Vorbildern im Neurenaissance-Stil gestaltete Hauptfiliale baute und von der Kuhbrücke zur Allmendbrücke zogen. Das Thuner Wochenblatt schrieb dazu am 25. Juli 1900:

«Das sogenannte Engemannhaus, gewiß auch viele Jahre im Kleide seiner wilden Reben eine liebliche Zierde Thuns, ist nun verschwunden. Die hochragenden Profile des Neubaues, den die Spar- und Leihkasse Thun an diesem Platze errichten will, sind aufgestellt, die Pläne sind öffentlich aufgelegt. Nach Jahresfrist wird ein schöner Bau den Stadteingang vom Bahnhofe her schmücken und den Beweis für das Gedeihen eines aus bürgerlichem Gemeinsinn hervorgegangenen Institutes leisten.»

Thun besass nicht nur eine Schiffahrt auf dem See, sondern auch auf dem Fluss. Auf der gegenüberliegenden Seite des Engemannhauses bei der Allmendbrücke befand sich die Bernländte. Hier sind seit Jahrhunderten Weidlinge für den Personen- und Warentransport auf der Aare in Richtung Hauptstadt abgefahren. Die Preise waren dreimal geringer als beim Fuhrwerk und die Fahrtage waren jeweils am Montag, Dienstag und Samstag. An diesen Tagen wurden die Schleusen gezogen, um das nötige Fahrwasser zu garantieren. 1825 wurden 6162 Personen befördert. In derselben Zeitspanne kamen insgesamt 623 Schiffe von Thun her in Bern an. Zwei Meister, der Meisterknecht und ein weiterer Knecht ruderten und steuerten die Weidlinge. Die Schiffe fuhren nicht nur bernwärts, die Schiffsleute zogen sie auch flussaufwärts nach Thun zurück. Dabei führten sie vor allem Wein und Brotgetreide mit. Das gültige Reglement zur Schifffahrt zwischen Thun und Bern stammte aus dem Jahr 1681. Darin waren verschiedene Sicherheitsmassnahmen festgelegt. Aufseher in Thun, die der Thuner Schultheiss ernannte, hatten jeden Weidling vor der Abfahrt zu inspizieren. Sie kontrollierten, ob die Schiffsleute nüchtern waren, die Schiffe zu den im Reglement festgelegten Zeiten abfuhren, nicht überladen waren und ob die Tarife eingehalten wurden.
Inserat Thuner Blatt 1850Für kostbare Waren bevorzugte man den Landweg, auch wenn dies teurer war, denn der Flusstransport war gefährlich und bei Unfällen gingen oft Waren verloren. Auf der Strecke zwischen Thun und Bern verunfallten noch im 19. Jahrhundert jährlich vier bis sechs Schiffe. Die Aare war nicht kanalisiert, sondern bahnte sich ihren Weg nach den Gesetzen der Natur. Wenn der Wasserstand schwankte, veränderte sich auch der Flusslauf. Manche Stellen waren bei hohem Wasserstand nur mit grosser Vorsicht befahrbar, andere waren hingegen bei Trockenheit zu seicht für die Schifffahrt. Von den unbefestigten Ufern rutschten Bäume ins Wasser, die zu kaum sichtbaren Hindernissen werden konnten. Auch die Gewerbetreibenden entlang der Aare erschwerten die Schifffahrt, indem sie Schwellen in den Fluss hinausbauten und Wasser für ihre Wasserwerke abzweigten. Dies war ein ständiger Konfliktherd.

Als im Jahr 1859 der die ersten Dampflokomotiven im neu erstellten Bahnhof von Bern her in Thun einfuhren, wurde der Transport auf der Aare überflüssig. Die Allmendbrücke stand jetzt am Anfang der Bahnhofstrasse und war von da an das Eingangsportal der ankommenden Touristen in die Innenstadt.

Der landläufig sogenannte „Schuh-Röntgenapparat“ gehörte in den 1920-er Jahren zum Bild exklusiver Schuhgeschäfte.1920 war er auf einer Fachmesse in Boston erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Sogar bis in die 1960-er Jahre waren diese Geräte im Einsatz zu finden.Es diente der Feststellung der Passgenauigkeit besonders bei Kinderschuhen. Das Pedoskop war ausgestattet mit einer SIEMENS Röntgen-Röhre und verfügte über 3 Blickschächte für den Schuhfachverkäufer.<br /> Aufgrund der erst in den 1960er Jahren gewonnenen Erkenntniss über die gesundheitlichen Gefahren durch Röntgenstrahlung wurden der Einsatz dieser Geräte 1961 sofort gesetzlich verboten. Umgehend verschwanden die Geräte aus den Schuhgeschäften.

Als der Bahnhof 1923 an seinen neuen, heutigen Standort wechselte, zog es auch die Spar- und Leihkasse Thun wieder an die Nähe des Bahnhofes und verschob ihren Hauptsitz  1932 in den Neubau bei der Bahnhofsbrücke (Krebserhaus).

Danach war das Haus Sitz des Schuhgeschäfts Oppliger. In diesem Geschäft, wie übrigens in vielen anderen Schuhgeschäften in Thun oder in der Schweiz auch, befand sich ein sogenannter Pedoskop (Bild links). Mit Röntgenstrahlen wurden damit Schuhe durchleuchtet, um die Passgenauigkeit an den Füssen, insbesondere bei Kindern, zu bestimmen. Diese Geräte waren ab den 20-er Jahre und noch bis in die Mitte der 60-er Jahre im Einsatz. Heute befindet sich im Erdgeschoss des Hauses die Pizzeria La Perla.

Die Allmendbrücke wurde im Jahr 1958 nach hundert Jahren einer Gesamtsanierung unterzogen. Für die Belastungsprobe wurde dazu extra ein 30-Tonnen-Panzer bei 35 Km/h in der Brückenmitte abgestoppt. Die Brücke bestand die Probe unbeschadet.

Quellen: Thuner Tagblatt, 23.11.1982 / TH 28.05.1850, Mein liebes Thun von Markus Krebser, Türme, Tore und Gassen nach 1800 von Peter Küffer, «Gebändigt und genutzt: Die Stadt Thun und das Wasser in den letzten 300 Jahren» (ab Seite 14) von Anne Bähler, Oberländer Tagblatt 31.01.1959, Diverse

Standort

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.