Pension Itten

Nach der Eröffnung der Pension Baumgarten konnte sich in den 1860er Jahren nur noch ein grösserer Betrieb in Thun etablieren: die Pension Itten an der Länggasse. Auf dem Grundstück befand sich ursprünglich ein Landwirtschaftsbetrieb, welcher 1801 an den Baumeister Niklaus Friedrich Anneler überging. Der nachfolgende Besitzer war der Spitalküher Alexander Aeschimann, Besitzer einer stattlichen Viehherde von 80 Stück. Seine Tochter Margarethe erbte 1851 den Gutsbetrieb und heiratete den Notar und Amtsschreiber Abraham Itten aus Spiez. Er verstarb nur sieben Jahre später, im Geburtsjahr ihres Sohnes Albert.
Nach dem Schicksalsschlag begann die Witwe, in ihrem grossen Haus Sommerwohnungen für vornehme Berner Familien zu vermieten. Mit viel Fürsorge betreute sie ihre patrizischen Gäste, darunter auch Bundesräte und hohe Militärs, welche sich Ruhe in der ländlichen Idylle gönnten.
Als Margarethe Itten 1865 den Major Robert Maxwell heiratete, wurden die Scheunen und Ställe zu Sälen und Fremdenzimmern ausgebaut und mit schönem viktorianischem Mobiliar sowie vielen Antiquitäten ausgestattet. Die Pension Itten war geboren und genoss weit über die Landesgrenzen hinaus ein ausgezeichnetes Renommee.
Dank den vielen guten Beziehungen von Robert Maxwell war die Pension insbesondere bei Engländern, Schotten und Amerikanern sehr beliebt. Die Gäste vergnügten sich bei den im Haus stattfindenden Bällen oder begaben sich für Konzerte in den Freienhofgarten, denn die Pension Itten beteiligte sich zusammen mit den Hotels Bellevue, Thunerhof und dem Freienhof am zwölfköpfigen Kurorchester, welches sonntags dort aufspielte.
1899 übernahm Sohn Arnold zusammen mit seiner Frau Fanny, einer Zürcher Hotelierstochter, das wohl akkreditierte Haus. Zum rund 144’000 m2 grossen Gutsbetrieb, was etwa 20 Fussballfeldern entspricht, gehörte eine Landwirtschaft mit 15 Knechten, die Arnold auf der Ittenmatte betrieb.
Den Gästen fehlte es an nichts. Mit der hauseigenen Kutsche wurden sie am Bahnhof abgeholt und direkt zur Campagne gebracht, wo sie von den Inhabern unter mächtigen Kastagnenbäumen persönlich begrüsst wurden. Ein Portier mit einer schmucken Mütze, welche mit «Pension Itten» beschriftet war, trug das Gepäck zu einem der 160 Zimmer. Nachdem man sich ein bisschen von der Reise ausgeruht hatte, wurde man im grossen oder kleinen Speisesaal an den schön gedeckten Tafeln reichlich verwöhnt. Frau Itten legte nicht nur Wert auf schöne Gedecke, sondern verzierte die Tische eigenhändig mit frischen Blumen aus dem Garten.
Zur Pension gehörten verschiedene Chalets, 2 Tennisplätze, eine Lingerie und ein Park, welcher mit viel Sorgfalt und Liebe gepflegt und gehegt wurde. Kleine Kieswege durschlängelten die Anlage und führten zu Sitzplätzen unter einer Pergola, die zum Verweilen oder Lesen einlud. Neben einem Waldpavillon gab es einen Musikpavillon, wo den Gästen ein Klavier zur Verfügung stand. Wem nicht nach Musik zumute war. der konnte sich in den vornehmen und stilvoll möblierten Konversationssaal, dem Salon Louis XV., begeben oder im Billardzimmer oder Lesesaal verweilen. Das Haus war mit dem damals modernsten Komfort ausgestattet wie Zentralheizung, Bäder und Sanitäranlagen.
Anfangs des 20. Jahrhunderts wiederholte sich tragischerweise die Familiengeschichte. Arnold Itten starb im Jahr 1909 mit 51 Jahren. In diesem Jahr, in welchem auch eine Dependance, das Chalet Mathilde, eröffnet worden war, ging die Unternehmung für kurze Zeit an die Witwe Fanny über. Ab 1912 leitete August Rüfenacht die Pension in Nachfolge von Fanny Itten.
Während des Ersten Weltkrieges wurde die Pension Itten für die Krankenpflege eingerichtet. 1920 wurde sämtliches Mobiliar versteigert. (siehe Inserat links). 1921 kaufte die Gemeinde die Pension um sie in 20 Notwohnungen umzuwandeln und die Büros der kantonalen Steuerverwaltung unterzubringen. Auch das Lebensmittelamt war dort einquartiert. Die Rationierungskarten mussten dort abgeholt werden. 1952 wurde die Pension Itten abgerissen und machte der neuen Mädchensekundarschule Platz, der heutigen Oberstufenschule Länggasse.

Einzig der grosse Brunnen erinnert noch an frühere Zeiten: Der kunstvolle Trog ist mit einer Hand, dem Anneler-Wappen verziert und steht noch heute als Erinnerung vor der Oberstufenschule vorne an der Länggasse.

Quellen: „Gastort Thun“, TT 17.02.1971, OT 04.09.1954, Diverse

Damaliger Standort

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