Waisenhaus & Waisenhausplatz

Wo heute das alte Waisenhaus Thun steht, befand sich im Jahre 1786 die Seidenfabrik Nägeli, allerdings noch unmittelbar vorne am Aarefluss. Sie konnte sich jahrzehntelang behaupten. Im 17. Jahrhundert beschloss der Kanton im Oberland, Textilindustrie einzuführen, um so der Arbeitslosigkeit, dem Bettel und Elend vorzubeugen. Nach einem Ratsbeschluss der Thuner Behörden im Jahre 1693, musste jeder Bürger, welcher irgendein Amt annahm, zwei Maulbeerbäume an zugewiesenen Stellen pflanzen. Sie sollten die Nahrung für die Seidenraupen sicherstellen. Aus dieser Tatsache bekam der Maulbeerplatz auch seinen Namen. Im gleichen Jahr wurden von den Behörden über 100 weisse Maulbeerbäume gekauft und angepflanzt.

Am 13. Oktober 1786 kam es zum grossen Bällizbrand; er vernichtete elf Firsten, darunter auch die Seidenfabrik. Von diesem Zeitpunkt an durften im Bälliz keine «Scheuern» mehr erbaut werden. Die Fabrik wurde erneut aufgebaut.

Das erste Waisenhaus in Thun befand sich noch an der Bernstrasse 107 beim heutigen Burgerheim und wurde im Jahr 1771 mit 12 Knaben eröffnet. Noch heute steht dort über der Eingangstüre in Sandstein gehauen die Inschrift «Waysen Haus».

1805 beschlossen Rat und Burger das alte Burgerspital am Rathausplatz in ein Schulhaus umzuwandeln. Im Jahre 1808 fanden die Waisenkinder im Platzschulhaus auf dem Rathausplatz ein neues Heim. Da sich kein Pädagoge fand, um den sechs Knaben im Sinn und Geist Pestalozzis ein Vater und Erzieher zu sein, sorgte der Schulabwart lediglich für Nahrung und Schlafgelegenheit. Auch sein Nachfolger, ein gewesener Wegknecht und Pintenwirt, kümmerte sich wenig um die Waisen und liess sie in den Gassen herumstromern. Als Zuchtmittel kannte man noch Rutenhiebe und Arrestzellen bei Wasser und Brot. Der Hausvater durfte ausserdem von den Tischgeldern, die für eine vorschriftgemäße ordentliche Kost vorgesehen war, einen Teil seiner Besoldung herausschlagen; die sogenannte Kostverpachtung.

1837 erwarb die Burgergemeinde die inzwischen eingegangene Seidenfabrik Nägeli, riss das Gebäude nieder und baute das Haus, von der Aare her etwas nach hinten versetzt, mit gleicher Fassade aber insgesamt grösser, wieder auf. Das Waisenhaus im Bälliz war geboren. Der Waisenhausbetrieb wurde hier jetzt etwas besser. Die Grundvoraussetzungen waren allerdings noch nicht ideal. Im grössten Saal befanden sich bis 1863 ein Militärbüro und später eine Sattlerei. Des Weiteren waren der militärische Betrieb und das Soldatenleben in der gegenüberliegenden alten Kaserne auch nicht besonders geeignet, die Fähigkeiten der Kinder zu fördern. Am Morgen zum Beispiel amtete der Vorsteher als Turnlehrer bei den im Hof angetretenen Offizieren. Bessere Verhältnisse traten ein, als 1864 das Ehepaar Russi die Leitung des Waisenhauses übernahm und die Soldaten in die neue Kaserne an der Allmendstrasse umgezogen waren. Der Pfarrersohn und seine Gattin, nahmen ihre Aufgabe ernst und suchten aus der vielfach als Strafanstalt angesehenen Institution eine moderne Erziehungsstätte zu machen und schufen auch die Kostverpachtung ab. Das Haus wurde renoviert und die Räume mit neuem Inventar heimeliger und komfortabler gestaltet.

1867 wurde das bisherige Knabenwaisenhaus in eine für beide Geschlechter gemischte Anstalt umgewandelt und der Hausgeist erfuhr durch das andere Geschlecht eine gewisse Kultivierung. Ausserdem wurden die Waiseneltern mit «Vater» oder «Mutter» angesprochen, was eine familiäre Atmosphäre schaffte.

Im Jahre 1915 verkaufte die Burgergemeinde das alte Waisenhaus der Stadt Thun. Als Anzahlung wurde Land an der Pestalozzistrasse abgetreten. Hierauf erbaute die Burgergemeinde im Jahre 1916 ein neues Waisenhaus für 25 Kinder, welches 1917 eröffnet wurde.

Im alten Waisenhaus im Bälliz wurden in den Kriegsjahren 1914 – 1918 Rationierungskarten ausgegeben. Es diente in dieser Zeit auch als öffentliches Badehaus. Hier konnten sich Männer und Frauen aus bescheidenen Verhältnissen geschlechtergetrennt, das heisst zu unterschiedlichen Zeiten, pflegen.

Das Haus beherbergte von da an städtische Büros, so zum Beispiel das Fürsorgeamt der Stadt. 1969 wurde es renoviert. Später war es Sitz der Pilz- und Lebensmittelkontrolle. Neben und vor dem Haus befand sich ein öffentlicher Parkplatz und im Innern Abstellkammer des Tiefbauaumtes. Jahrzehntelang war das denkmalgeschützte Gebäude an zentralster Lage für die Öffentlichkeit praktisch ungenutzt.

Im Sommer 1986 organisierten verschiedene junge Menschen auf dem aareseitigen Platz des Waisenhauses unter dem Namen Café Mokka diverse kulturelle OpenAir Veranstaltungen. Noch im November des gleichen Jahres bekam das Café Mokka nach zahlreichen Verhandlungen mit der Stadt Thun im damaligen Jugendhaus unter der Leitung von Pädu Anliker an der Allmendstrasse ein, anfänglich noch alkoholfreies, dauerhaftes Zuhause.

Im Jahr 1996 gab es einen grossen Umbau und beherbergt seitdem im Untergeschoss das Restaurant Waisenhaus.

Quellen: Oberländer Tagblatt vom 10. November 1915, Oberländer Tagblatt vom 15 November 1951, Diverse

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