Stadtkirche Thun

Hoch über der Altstadt bildet die Stadtkirche zusammen mit dem Schloss das unverwechselbare Wahrzeichen Thuns. Während der Turm aus der Zeit um 1330 stammt und etwa 1430 mit Fresken versehen wurde, ist die Kirche ein Neubau nach Plänen von Paulus Nader von 1738. Zuvor stand dort eine im Mittelalter dem heiligen Mauritius geweihte Kirche mit gotischem Hochchor, deren Ursprünge auf das 13. Jahrhundert zurückgehen, und Spuren von weiteren Vorgängerbauten lassen sich bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen. Die damalige romanische Kirche, welche zum Bistum Konstanz gehörte, war etwa gleich gross, wie die Kirche Scherzligen, die sich aber im Bistum Lausanne befand. Die Bistumsgrenze bildete der natürliche Aarelauf, welche die Sinnebrücke verband und es war den Gottesdienstbesuchende in der vorreformistischen Zeit unter Strafe verboten, am Sonntag in die „falsche“ Kirche zu gehen.

Vom mittelalterlichen Gotteshaus blieb vor allem der mächtige Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert erhalten. In seiner Vorhalle befinden sich bedeutende Wandmalereien aus der Zeit um 1430. Im Dezember 1737 schlug der Rat von Thun Alarm: Die alte Mittelalter-Kirche sei «ganz irregular und krumb», der Dachstuhl einsturzgefährdet! Was folgte, war eine meisterhafte Logistikleistung: 1738 wurde die alten Kirche abgebrochen und 1738 erfolgte die Grundsteinlegung und die Einweihung des neuen Barocksaals. In unter sechs Monaten wurde der riesige Bau hochgezogen. Der Trick? Die Baumeister hatten heimlich schon Monate vor dem Ratsbeschluss das mächtige Holzgebälk im Hintergrund vorbereiten lassen. Dabei wurde auch die alte Stadtmauer mit Zinnen und Wehrgang entfernt. Der grossartigen Ausblick vom alten Friedhof aus auf das Alpenpanorama begeisterte übrigens schon Goethe bei seinem Besuch 1779.

Der heutige Barocksaal wurde deutlich breiter und gestreckter als die mittelalterlichen Vorgängerbauten. Da dieser Saal sowohl das Areal des alten Schiffs als auch den Bereich des ehemaligen gotischen Chors umfasst, verlief die ehemalige zähringischen Stadtmauer eigentlich quer durch die Grundfläche des heutigen Kirchensaals.

Die Kirche war keineswegs immer nur ein Ort des Friedens. Jahrhundertelang zankten sich die Stadt Thun, der Bischof von Konstanz und das mächtige Kloster Interlaken um die Vorherrschaft und die Einnahmen der Kirche. Erst mit der Berner Reformation 1528 endete der Machtkampf, und die Rechte fielen definitiv an Bern.

Bis 1893 hatte die Stadtkirche ein einziges Zifferblatt südwestlich ausgerichtet mit nur einem Zeiger. Danach wurde das Zifferblatt mit drei Neuen in Richtung Westen, Norden und Süden ersetzt. Diese hatten auch römischen Zahlen, ein schwarzes Mittelfeld und nun zwei Zeiger. 1929 wurden die Zifferblätter ein weiteres mal ausgetauscht durch die heutigen durchbrochenen Skelettzifferblätter mit weissem Hintergrund.

Eine mindestens zwei Meter grossen Inschrift «1854» prangte eine Zeit lang auf dem Dach der Thuner Stadtkirche, die weitherum sichtbar war aber nur zehn Jahre Bestand hatte. Die Stadtkirche war in dieser Zeit nicht übermässig reich und für allfällige Renovationen auf private Spenden angewiesen. Einer der reichsten Schweizer damals, war Alfred de Rougemont, Erbauer und Bewohner des Schlosses Schadau, welches er im Jahr 1854 fertigstellen liess. Beim Bau des Schlosses war es ihm wichtig, vom Türmchen aus die Stadtkirche sehen zu können, in der er 1826 auch seine Frau Sophie geheiratet hatte. Für diese freie Sicht liess er im Schadaupark sogar einige Bäume fällen. Er war zudem als grosszügiger Gönner bekannt, der viele öffentliche Projekte finanziell unterstützte – wie zum Beispiel die Glocken der Kapelle auf dem Schorenfriedhof. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass der Schlossherr für die Jahreszahl «1854» verantwortlich war, da er diese von seinem Turmbalkon aus auch hätte sehen können.

1968 musste die Stadtkirche einer grössen Renovation unterzogen werden. Dabei wurden auch die fünf Glocken ersetzt oder verbessert. Gleichzeitige ärchologischen Ausgrabungen führten zur Erkenntnis, dass bereits im neunten Jahrhundert hier eine Kirche gestanden hat. Ausserdem wurde die Gedenktafel an der Aussenmauer renoviert, die an die Schiffkatastrophe von 1718 erinnert.

Der rund 41 Meter hohe Kirchturm beherbergt übrigens in den Turmstuben ein Geheimnis. Da es gut versteckt ist, bleibt es oft unentdeckt: Auf halber Höhe der Treppe befindet sich eine geschlossene Tür. Öffnet man sie, entdeckt man eine kleine historische Ausstellung zur Kirchen- und Baugeschichte.

Quellen: Schweizerische Kunstführer – Die Stadtkirche Thun (Ulrich Bellwald, 1974), 200 Jahre Stadtkirche Thun von Pfarrer Art. Graf, Die Stadtkirche Thun von Peter Küffer, Museum im Kirchturm der Stadtkirche Thun, Wocherpanorama, TT vom 23.01.1968, TT vom 19.09.1968, Diverse

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