Sanatorium Heiligenschwendi

Die Tuberkulose, eine Volksseuche so alt wie die Menschheit – bereitet sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – begünstigt durch soziale Missstände wie Unterernährung; kleine, feuchte, schattige Wohnungen, ungünstige Berufsverhältnisse in staub- und rauch erfüllten Räumen mit Arbeit oft bis Mitternacht und langen, übermässigen Alkoholgenuss – wieder aus. Tuberkulose war eine der häufigsten Todesursachen in der Schweiz. In der Mitte des 19. Jahrhunderts starben jährlich rund 10.000 bis 12.000 Menschen an der «Schwindsucht», wie die Krankheit damals oft genannt wurde. Das entsprach etwa 15% aller Todesfälle. Allein Im Kanton Bern waren bis zu 71% der Bevölkerung mit Tuberkulose infiziert.

Davos macht den Anfang

1868 baut Davos das erste Kurhaus mit 50 Gästebetten für Tuberkulosekranke. Allerdings ist das Haus lediglich für eine vornehmen Klientel reserviert. Davos entwickelt sich zu einem internationalen Zentrum der Tuberkulosebehandlung elitärer Prägung.

Den Reichen steht der Zugang zur Therapie offen. Was geschieht mit der weit grösseren Zahl der ärmeren Volksschichten? In dieser medizinischen Aufbruchsstimmung wurde die Idee für eine Volksheilstätte in der Region Bern geboren, um auch ärmeren Menschen den Zugang zu einer solchen Behandlung zu ermöglichen. Der Ort Heiligenschwendi, auf 1120 Metern Höhe gelegen und geschützt von bewaldeten Berghängen, bot ideale klimatische Bedingungen und eine gesunde Umgebung, die als besonders günstig für die Behandlung von Lungenkrankheiten angesehen wurde. Zugleich wollten Fremdenverkehrsorte wohl auch eine gewisse räumliche Distanz zu den Erkrankten schaffen. So stand etwa explizit in einem Hotelprospekt im benachbarten Goldiwil: «Tuberkulöse werden nicht aufgenommen».

Am 22. Mai 1894 konstituiert sich der neue «Verein der Bernischen Heilstätte für Tuberkulöse». Die Wahl fällt auf ein Pavillonsystem: ein Krankenpavillon West und ein Krankenpavillon Ost, dazwischen nach rückwärts gestaffelt, durch Liegehallen und Wandelgange mit den Pavillons verbunden, das Verwaltungsgebäude sowie eine Dependance. Das ursprüngliche Projekt sieht zwei Krankenpavillons vor, dem Zentralgebäude vorgelagert und mit diesem durch Liegehallen verbunden. Aus finanziellen Gründen können 1895 nur der Pavillon West mit 50 Betten, das Zentralgebäude und ein Nebengebäude realisiert werden.

Das ursprüngliche Projekt von 1894

Am 4. August 1895 wurde die Klinik feierlich eröffnet, begleitet von grossem öffentlichem Interesse. Trotz widriger Wetterbedingungen strömten über 1000 Menschen nach Heiligenschwendi, um an der Einweihungsfeier teilzunehmen. Die ansässigen Hoteliers allerdings hatten keine grosse Freude, da Heiligenschwendi in den Ruf kam, eine Brutstätte der Tuberkulose zu sein und umschrieben ihren Standort mit «Schwendi ob Thun».

In den ersten Jahren behandelte die Klinik bereits mehr als 4000 Patienten, darunter viele Kinder. Die Klinik entwickelte sich schnell zu einem wichtigen Zentrum für die Tuberkulosebehandlung, und weitere Sanatorien. Luft und Sonnenschein genügen nicht mehr, der Schlüssel zur Heilung der Tuberkulose ist die Disziplin mit entsprechender Einhaltung eines minutiösen Kurplanes mit 6-9 Liegestunden, 6 Mahlzeiten pro Tag, strengen Hygienevorschriften und absolutem Alkoholverbot.

1897 entstehen Ökonomiegebäude und Krankenpavillon Ost. 1903 finanzieren Private das Fundament des Projektes Kinderpavillon, welcher 1902 eröffnet wird.

Mit ihren anfänglich 50, dann 100 und schliesslich 144 Betten behandelt die Bernische Heilstätte für Tuberkulöse in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens weit mehr als 4 000 Patientinnen und Patienten, darunter 300 Kinder. Entgegen des Vereinsstatuts, zweifellos unheilbare und schwerkranke Personen von der Aufnahme auszuschliessen, pflegt sie zu 40% schwerkranke Patienten. 1904 sind drei Viertel aller Patienten jünger als 30 Jahre. Ein Pflegetag kostet 2 Franken 17 Rappen, eine Kur dauert im Durchschnitt drei Monate.

Im ersten Jahr verbindet ein zu Fuss gehender Postbote die Klinik mit dem Unterland. Die einrückenden Patientinnen und Patienten müssen ihren Transport vorerst selber organisieren. Ab Mitte 1896 verkehrt eine einspännige Postkutsche, welche von der damaligen Postgasse beim Freienhof via Goldiwil einmal täglich nach Heiligenschwendi fährt. Ihre fünfplätzige Nachfolgerin braucht für die steile Bergfahrt nach Heiligenschwendi immer noch respektable 2,5 Stunden.

Nach gut bernischer Tradition produziert ihr Landwirtschaftsbetrieb Fleisch und Milch. Im Stall stehen vier Kühe, ein Kalb, 13 Schweine und ein Pferd. Der Gaul trägt Nahrungsmittel von Thun herauf. Stabilisierte Patienten halten ihn im Zaum.


Knapp vor Weihnachten 1904 wird Heiligenschwendi elektrifiziert

Exakt 283 Glühbirnen ersetzen sämtliche Petrollampen. Das «neue, helle, hygienische Licht» wird bejubelt, denn es vertreibt die Langeweile. Man fürchtete nämlich bislang den Winter weniger seiner Kälte als vielmehr seiner Dunkelheit wegen. Bei jedem Windhauch rauchende Lampen erlaubten weder Lektüre noch Zeitvertreib.

Bis Mitte 1897 obliegen die Betriebsführung und Betreuung der Patienten einer Oberschwester aus dem Diakonissenhaus Bern, da der erste externe Chefarzt nur zweimal wöchentlich hoch zu Ross von Steffisburg zu Untersuchungen in die Heilstätte reitet. Nach innerbetrieblichen Schwierigkeiten und mangelnder Disziplin der Patienten kommt die Direktion zu folgender Ansicht: «Wenn an Ort und Stelle ein Frauenzimmer, dem die nötige Autorität, vielleicht auch hie und da der richtige Takt und wunschbare Schneid fehlt, das oberste Regiment führt, kann keine Ordnung einkehren». Die Direktion legt am 1.7.1897 die Zügel der Disziplin und die Überwachung des Hauswesens in die Hände eines neuen, stationären Chefarztes und entlasst gleichzeitig die Oberschwester. Die Hoffnung, dass nun die Organisationsmaschine unter Aufsicht der Direktion und etwelchen Nachhilfen schon laufen werde, erfüllt sich nicht, und die Freude, «dass nun die erste Periode bloss weiblicher Leitung der Anstalt zu Ende ist», ist von kurzer Dauer. Der neue Chefarzt tritt wegen interner Schwierigkeiten nach elf Monaten, sein Nachfolger aus beruflichen Gründen nach 14 Monaten zurück.

1913 öffnet der 70 Betten umfassende Männer-Pavillon im Westteil seine Türen. Ausserdem wird das Hauptgebäude aufgestockt. Die erste Etage und mit ihr die Liegehalle und Wandelgang, Kesselhaus, Dampfküche, Heizung, Warmwasseraufbereitung und Speisekeller erfahren eine erste Renovation. Ein Haustelephon mit 18 Stationen wird eingerichtet. Alle Krankenzimmer gehen nach Süden und besitzen statt Fenster Balkontüren. Ausser Sälen zu acht Betten gibt es Zimmer zu ein, zwei und drei Betten.

Berna BC Kurswagen Nr. 1. 01.11.1918 – Bild: Archiv ATGH

Am 2. Marz 1918 wird die Genossenschaft für Automobilverkehr nach Thun gegründet. Nachdem die Patienten bis dahin selbst für eine Fahrgelegenheit gesorgt oder die Höhenklinik auch mit der Postkutsche haben erreichen können, befahrt am 1. November der Berna-Omnibus, reich bekränzt, erstmals die Strecke Thun-Goldiwil-Heiligenschwendi. Klar, dass das dreizehnplätzige Automobil auf der zehn Kilometer langen Strecke in dreimal kürzerer Zeit dreimal mehr Leute befördert.

1947 bekommt Heiligenschwendi ein Beamtenhaus, 1948 ein Chefarzthaus. Mit dem Bau der neuen Tuberkuloseklinik, welcher der alte Pavillon Ost und die Liegehallen weichen müssen, wird im Juli 1948 begonnen. Schon im Dezember 1949 ziehen die ersten Patienten ein.

 

Vom Sanatorium zur Höhenklinik

1943 findet Prof. Jorgen Lehmann in Goteborg in der Para-Amino-Salicylsaure, kurz PAS genannt, eine neue tuberkulostatische Substanz. Das Präparat wird frühzeitig von der Firma Dr. A. Wander AG, Bern, als Patent erworben und produziert. In der Folge führt Heiligenschwendi in enger Zusammenarbeit mit der Firma Wander einen grossen Teil der ergänzenden klinischen Untersuchungen.

Die fast gleichzeitige Entdeckung von Isoniacid – INH – durch die Forscher der Firma Hoffmann-La Roche und Squibb in den USA und durch Bayer in Deutschland in den Jahren 1950 -1951 sowie die ersten spektakulären Therapieerfolge, die mit Freudentanzen der Patienten über das neue «Wundermittel» in der Tagespresse dokumentiert werden, erweitern das therapeutische Arsenal entscheidend.

Bettenzahlen, Patienten und Pflegetage sinken anschliessend stufenweise ab. Weil einerseits dank der Früherkennung immer weniger Menschen an Tuberkulose sterben, wurde die Klinik 1960 nach und nach neu ausgerichtet zur Behandlung chronischer Lungenkrankheiten. Die Zahl der Tuberkulosefälle ging ständig zurück, während die Zahl der Kranken mit chronischen Lungenerkrankungen, die eine stationäre Behandlung benötigen, laufend ansteigt.

Von 1969 bis 1973 wird der gesamte Komplex einer baulichen Gesamterneuerung unterzogen. Die meisten alten Gebäude wurden in mehreren Etappen durch moderne Neubauten ersetzt. Vollständig erhalten ist noch der ehemalige Männerpavillon.

Seit ihren Gründungstagen hat sich die ehemalige Höhenklinik stetig sowohl baulich als auch medizinisch weiterentwickelt und ist heute ein modernes und bedeutendes Nachsorgezentrum, welches als «Berner Reha Zentrum» bekannt ist. Der oberhalb der Klinik im Gründungsjahr 1895 gesetzte Ahorn, steht immer noch und ist heute ein Naturdenkmal.

Quellen: Bernische Höhenklinik Heiligenschwendi 1895-1994, Berner Tagwacht 10.07.1950, Berner Reha Zentrum Heiligenschwendi, Chronik von Heiligenschwendi von 1285-1985 von Erwin Heimann, Archiv ATGH, Diverse

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