Das Panoramahaus

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts blühte in Thun der Tourismus. Adel und Grossbürgertum zog es zu den Orten, wo sich ein gewaltiges Bergpanorama mit einem See im Vordergrund präsentierte. Das führte dazu, dass Genfersee, Vierwaldstättersee und Thunersee touristische Anziehungspunkte wurden. Um bei einer Schweizerreise nicht alle Orte besuchen zu müssen, wurden jeweils Panoramen der Schwesterorte in eigens dafür erstellten Rundbauten ausgestellt.

In Thun wurde 1826 im Aarefeld, in unmittelbarer Nähe des Scherzligtors sowie des geplanten «Fremdenquartiers» Seefeld und der späteren Bahnstation Scherzligen eine Villa mit einem Rundturm erstellt, in dem ein 4 Meter hohes Rundbild mit einem Panorama der Rigi, 1825 gemalt vom Aargauer Kunstmaler Robert Huber, gezeigt wurde. Das Haus mit seinem charakteristischen Rundbau war eines der ersten Gebäude im Aarefeldquartier. Auf alten Abbildungen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das Panoramagebäude am Scherzligweg noch als dicker Rundturm, nur von kleinen Anbauten am Turmfuss begleitet dargestellt. Diese mögen als Nebenräume gedient haben und – als Souvenirläden: Die Besitzer des Panoramas die Gebrüder Schmid betrieben eine Holzschnitzerei-Fabrikation. Wie gesagt, gab es in der Schweiz noch weitere ähnliche Panoramahäuser. Eines in Basel, zeigte ab 1814 das von Marquard Wocher gemalte Thun-Panorama, welches heute noch im Schadaupark Thun bewundert werden kann.

Im Jahr 1846 verkaufte der Kunsthändler Rudolf Schmid das Haus an seinen Schwager. Das Rigi-Rundgemälde wurde entfernt – bis heute konnten nur Fragmente davon wieder aufgefunden werden – und das Haus wurde zur repräsentativen Villa um- und ausgebaut.

Es war die besondere Qualität dieser Umbaulösung, die den hohen historischen Stellenwert des Gebäudes ausmachte: Wie die Turmform, die in die dreiflügüge Anlage des Hauses einkomponiert wurde.
Zahlreiche wertvolle Ausstattungsteile im Innern ergänzen den repräsentativen Gesamteindruck des Aussenbaus: Ein Treppenhaus mit halbrund geführter Marmortreppe, virtuoser, ornamentaler Deckenmalerei und Figurennischen; grosse Räume mit stuckierten oder bemalten Decken und Parkettböden; ein Biedermeier-Zylinderofen sowie historische Sitzkachelöfen.

1888 ging die Villa über an den Kaufmann Ludwig Adolf Grieb, 1898 schliesslich an den Schlossermeister Gottfried Winkler. Ihm sind wohl die Eisen-Glasveranda beim Eingang, die farbigen Jugendstilfenster und der verspielte Gartenpavillon zu verdanken. Die Villa wechselte nach 1910 noch einige Male den Besitzer, bis sie 1954 von Arthur Hoffmann senior übernommen wurde – wohl in der Absicht, seine benachbarte Fabrikanlage einmal in Richtung Inseli erweitern zu können.

Und damit war auch das Schicksal des Hauses vorbestimmt: Die einst prächtige Villa wurde nur noch minimal unterhalten oder notdürftig geflickt. Später siedelten sich Randständige und Drogenabhängige in der Villa an. Im Dezember 1979 reichte die SP zum Schutz des Panoramahauses auf dem Inseli gegen eine geplante Wohnblocküberbauung ein Postulat ein: “Der Gemeinderat wird aufgefordert zu prüfen, wie der Verlust dieses originellen Baues verhindert werden kann.”

Im Januar 1980 brannte es im Panoramahaus, verursacht durch eine brennende Kerze. Der Löschzug konnte das Schlimmste verhindern. Danach wurde ein Stacheldrahtzaun rund um das Haus errichtet, welcher allerdings keinen ausreichenden Schutz des denkmalgeschützten, einsturz- und brandgefährdeten Hauses bot.

Über die Frage, ob das Panoramahaus ein Schutzobjekt sei, stritten sich in der Zwischenzeit Juristen und Fachleute hin bis vor Verwaltungsgericht. 1986 verkaufte die Firma Hoffmann das Gebäude an eine Gruppe von fünf Immobilienhändlern aus Bern und Olten, welche auf dem Areal Wohnblöcke erstellen wollten. Aus Kreisen des Heimatschutzes und der Denkmalpflege wurde eine Stiftung angestrebt, der Bund, Kanton und Stadt angehörten und die das Panoramahaus retten sollten. Dabei wurden verschiedene öffentliche Nutzungen ins Auge gefasst, wie zum Beispiel die Unterbringung der Stadtbibliothek. Doch im März 1988 verweigerte der Stadtrat auf Antrag des Gemeinderates der Stiftung die finanzielle Unterstützung.

Am Sonntagnachmittag, dem 12. November 1989 ging um 16.14 Uhr beim Löschzug Thun ein Notruf ein. Das Panoramahaus stand in Vollbrand. Obwohl die Feuerwehr Minuten später vor Ort war und ein eiligst angefordertes Grossaufgebot gegen den Brand kämpfte, kam jede Hilfe zu spät. Das 165-jährige Haus war verloren und danach derart beschädigt, dass es bereits drei Wochen später komplett abgerissen werden musste. Die Brandursache wurde nie aufgeklärt und die Tatsache, dass nun die weitere Nutzung des zweitletzten noch erhalten Panoramahauses der Schweiz für immer “geregelt” war, kam einigen Interessen wohl gerade mehr als recht. Heute erinnert nur noch die am Panoramahaus gelegene Strasse an das damalige Haus. Sie heisst nach wie vor “Panoramastrasse”.

Quellen: TT 08.12.1979, TT 28.01.1980, TT 20.02.1988 von Beat Gassner, TT 13.11.1989, Hanna Strubin Kunsthistorikerin Bund 11.10.1979, Guntram Knauer Jahrbuch Schloss Thun 2018, Diverse, Bilder von: Christian Helmle, Walter Winkler, Thuner Tagblatt, Stadtarchiv Thun, Diverse

Ehemaliger Standort Panoramahaus

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