Mühle und Mühleplatz Thun

Original Mehlsack Mühle Thun

Die Geschichte der Thuner Mühle ist besonders interessant, weil es dem Müllermeister Adolf Lanzrein gelang, am traditionellen Mühlestandort mitten in der Stadt Thun eine leistungsfähige Industriemühle aufzubauen. 1863 und 1870 erwarb er die beiden schon bestehenden Mühlen, die er 1877 umbaute und modernisierte. 1879 kaufte er die angrenzende Sägerei mit den dazugehörenden Werkstätten und dem Gittersteg über die Aare ins Bälliz. In den 1880er-Jahren liess er anstelle der Sägerei ein Wohn- und Direktionsgebäude und anstelle der beiden alten Mühlen ein grosses Mühlegebäude erstellen, das mit neuster Technik ausgestattet war. 1889 beschäftigte die Mühle Lanzrein 13 Angestellte und gehörte zu den drei leistungsfähigsten Mühlen im Kanton Bern.

Nach Adolf Lanzreins Tod wurde die Firma vorerst unter dem Namen Lanzrein’s Söhne weitergeführt. 1926 fusionierte sie mit der 1900 gegründeten Firma Naef/Schneider und Cie. zur Mühlen AG, welche 1928 den Standort Thun teilweise elektrifizierte. Mit der Elektrifizierung verlor die Lage am Wasser ihre Bedeutung. Für das Mühleunternehmen, das auch im 20. Jahrhundert florierte, wurde der Standort mitten in der Stadt zum Nachteil. Das Gebiet rundum war überbaut, eine räumliche Expansion nicht möglich.

Die Stadt jedoch war an diesem zentralen Standort interessiert und stufte das Areal 1963 als Freifläche ein. Damit konnte die Mühle hier längerfristig nicht mehr produzieren und die Stadt war verpflichtet, das Gebiet zu übernehmen. 1976 wollte sie das Areal erwerben. Weil der Gemeinderat dieses Geschäft als ausserordentlich wichtig erachtete, wollte er den Kauf ausdrücklich vom Stimmvolk absegnen lassen, obwohl er rechtlich nicht dazu verpflichtet war. Damit hatte er zu hoch gepokert: Die Stimmberechtigten lehnten am 26.9.1976 den Kauf knapp ab. Die Mühlen AG verlangte nun von der Stadt die Übernahme gegen volle Entschädigung. Die Kontrahenten einigten sich schliesslich aussergerichtlich, und die Stadt kaufte das Mühleareal. Allerdings musste sie 100000 Franken mehr bezahlen, als der verworfene Kaufvertrag ein Jahr zuvor vorgesehen hatte.

Als 1982 die Thuner Mühle stillgelegt wurde, entstand mitten in der Stadt eine Industriebrache. Es folgte ein gutes Jahrzehnt kulturelle Zwischennutzung, Planung und Streit um die zukünftige Nutzung dieses attraktiven Standortes am Wasser. 1985 sprachen sich die Thuner Stimmbürgerinnen und -bürger für einen Totalabbruch der Mühle aus, entgegen der Empfehlung der Stadtbehörden, welche einen teilweisen Erhalt der industriegeschichtlich bedeutsamen Gebäude bevorzugt hätten. Ein SP-Stadtrat bezeichnete die Abstimmung als «demokratisch legitimierter Vandalismus». 1989 fuhren die Baumaschinen auf, um die Mühlegebäude abzubrechen; 1993 begann die Sanierung des Platzes. 1994 wurde er offiziell eingeweiht, ein Jahr später stand hier schliesslich auch die monumentale Plastik von Schang Hutter, die auch Bezug auf den ehemaligen Mühlekanal und den Turbinenschacht nimmt. 1.) Heute erinnert nur noch der Name «Mühleplatz» daran, dass an dieser Stelle jahrhundertelang Mühlen in Betrieb waren. Zahlreiche Kaffees und Restaurants, Bäume und Abtreppungen gegen das Aareufer hin geben dem Platz heute sein unverwechselbares Gesicht.

1.) Vollständiger Text und weitere Informationen zur Geschichte der Mühle in: «Gebändigt und genutzt: Die Stadt Thun und das Wasser in den letzten 300 Jahren» (ab Seite 21) von Anne Bähler

In der Zeit von 1981 bis zum Abbruch im Jahr 1989 war die Mühle eine Industriebrache. Während dieser Zeit gab es im Innern eine sogenannte Zwischennutzung. Zahlreiche Künstler und auch Gewerbetreibende nutzten die Räumlichkeiten für diverse Veranstaltungen, Ausstellungen, Ateliers, Theater und Konzerte. Ein Querschnitt durch diese Zeit sowie spannende Einblicke in das innere der Mühle geben folgende Bilder des Fotografen Christian Helmle:

Ein Gedanke zu „Mühle und Mühleplatz Thun

  • 7. September 2019 um 18:47
    Permalink

    ewig schade, dass dieses wertvolle Gebäude abgerissen wurd.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.