Mokka Waisenhausplatz

1985 war die Innenstadt für Thuns Jugendliche ein kulturelles Brachland. Es gab ein Kellertheater, ein paar Kinos; im Bälliz und in der unteren Hauptgasse je eine Pizzeria. Vielleicht ein Dancing, wo sich aber das Angebot und der Eintrittspreis eher nach dem Bedürfnis einiger betrunkener Armeeoffiziere orientierte. Aber ansonsten hat man am Abend oder am Wochenende die Trottoirs hochgezogen. Die Hauptgasse und der Mühleplatz waren menschenleer und still und man vergnügte sich als junger Mensch vorwiegend in den Quartierdiscos oder genoss das Nachtleben in Bern oder Interlaken.

1985 rief die UNO das Internationale Jahr der Jugend aus. Aus diesem Anlass organisierte die Stadt Thun diverse mehr oder weniger erfolgreiche Veranstaltungen auf Thuner Boden. Eine davon war das zwei Wochen dauernde “Tea-Room Mokka” auf dem Parkplatz des Waisenhausplatz. Zwischen parkierenden Autos servierten Jugendarbeiter Kaffee und Kuchen, Jugendbands hatten Nachmittags hier ihren ersten Auftritt und lokale Musiker gaben Gitarrenlektionen. Eine 17 jährige Schülerin verglich die schräge Türe des Mokka mit dem Saturn-Logo in einem Leserbrief im Thuner Tagblatt vom 27.09.1985 als “die Türe zur Freiheit für die Jugendlichen von Thun”.

Im Jahr 1986 wiederholte man den Gastrobetrieb auf dem Waisenhausplatz, jetzt mit einem neuen Logo und einer temporären Betriebsbewilligung bis 22.00 Uhr und inklusive Alkoholausschank. Rund 15 Bands spielten während dem einmonatigen Probebetrieb, mit der inkaufnahme der zahlreichen Anzeigen, der auf einmal lärmgeplagten Bewohnern der Innenstadt. Diesmal halfen neben den Jugendarbeitern auch viele Freiwillige mit. Einer fiel damals durch seinen ausserordentlichen Einsatz aus: der damals 29 jährige Maurer Pädu Anliker. Die Rockbeiz Mokka war ein voller Erfolg, so dass man unter dem Motto “Mokka-Bar, das ganze Jahr” aus dem Provisorium noch im gleichen Jahr in das  damalige Jugendhaus an der Allmendstrasse zog. Aus dem Fotolabor, Bastelraum und Frauenraum wurden Event-Büro, Künstlergarderoben und Billardzimmer. Das heutige Café-Bar Mokka war entstanden. 1989 wurde Pädu Anliker dann definitiv im Mokka an der Allmendstrasse angestellt, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 2016 das kulturelle Leben von Thun nachhaltig prägte.

Die Sommerveranstaltungen des Mokka auf dem Waisenhausplatz blieben noch bis ins Jahr 1992 dort. Danach zogen sie auf den Mühleplatz, wo sie noch heute alljährlich unter dem Namen “Am Schluss” stattfinden.

Quellen: TT, 25.09.1986, 27.09.1985, 14.10.1985, Bilder S/W: Christian Helmle, Bilder farbig: Renate Siegenthaler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.