Das Hofstettenquartier Thun

Ab den 1830er-Jahren wurden im Hofstettenquartier rund um die Schiffländte am sonnigen Aareufer immer mehr Hotels und vor dem Lauitor einige noble Geschäfts- und Wohnhäuser gebaut. So zum Beispiel 1833 das Bellevue, 1875 der Thunerhof, 1896 der zum Bellevue gehörende Kursaal oder relativ spät, im Jahr 1904, das Hotel Beau Rivage. Das Quartier Hofstetten hatte sich so innerhalb eines Jahrhunderts vom einfachen Hafen- und Gewerbequartier zu einem Touristenmagnet entwickelt. Wo früher Ziegelhütten, Ländteplätze, Gärten und Wohnungen standen, befand sich nun der von Hotelpalästen gesäumte Hofstetten-Boulevard mit Souvenirläden, Bazars, Teehäusern, Cafés und einem Museum.

Musee Ceramique L. Hahn Thoune Obrist Ce Thoune 1901
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Da gab es beispielsweise das langgezogene «Chalet Thunerhof» (Hofstettenstrasse 15), welches mit vielen Türmchen und Giebeln verziert war und eine Bijouterie sowie die Antiqutätenhandlung von Alfred Friedrich Engel beinhaltete. Darin konnten sich die Touristen mit dem «Filigran de Thoune» mit Ketten, Broschen und Anhängern aus feinen, mit Körnchen besetzten Silberdrähten, eindecken. Zudem wurden Filigranjuwelen, Berner Trachten und weitere Souvenirs verkauft. Erwähnenswert sind berühmten Thuner Majoliken. Diese speziellen Töpferwaren hatten ihre Berühmtheit durch die Weltausstellung in Paris im Jahr 1878 erlangt. Die von 1878 an mit eigenem Markenzeichen in Erscheinung tretende Steffisburger Keramikfabrik Johann Wanzenried betrieb eine Schautöpferei und ein Verkaufsgeschäft. Gleich daneben konnten im Basar von Louis Rachzelly «Wood Sculptures» erstanden werden, die beliebten Holzschnitzerwaren aus Brienz. Ein weiteres Schnitzlerwarengeschäft von Koher-Sterchi befand sich bei der Schiffstation Hofstetten, wo die vom Schiff kommenden Gäste direkt bedient wurden.

Neben den vielen Läden gab es auch ein Museum, das «Musée Céramique de Thoune». Die Ausstellung mit Thuner Majolika befand sich in der Hofstettenstrasse 3 und wer an touristischen Veduten interessiert war, wurde ebenfalls im sogenannten «Maison Born» fündig. Dort verkaufte Ferdinand Sommer, der Lehrmeister von Ferdinand Hodler, seine Veduten. Später befand sich im gleichen Gebäude das «Hotel Pension International».

Erst im Jahr 1913 wurde übrigens das Gebiet Hofstetten, welches vorher zu «Goldiwil nid dem Wald» gehörte, mit der Stadt Thun fusioniert. Die Gemeinde Goldiwil war vorher zweigeteilt in das Dorf «Goldiwil ob dem Wald» und das Gewerbe und Tourismusquartier «Goldiwil nid dem Wald».

Mathilde Hirsbrunner führte an der Hofstettenstrasse 12, rechts neben dem Thunerhof ein Modeatelier und beschäftige bis zu 45 Frauen. In den besten Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg verkaufte sie ihre Kleider nicht nur in Thun, sondern auch in Filialen in Bern, Interlaken, Montreux, Zürich und Sankt Moritz. Erst mit über 70 Jahren gab sie ihr Geschäft in den 1930er-Jahren auf und starb 1944 in Thun (Foto rechts um 1910). Die massiven Niederschläge in den frühen Abendstunden des 7. Juni 1915 liessen die beiden sonst harmlosen Gewässer des Kratz- und des Göttibaches zu Wildbächen anschwellen. Die Hofstettenstrasse wurde mit meterhohem Schutt und Schlamm überflutet, der Strassen- und Trambetrieb tagelang unterbrochen. Wie ein Wildbach strömten die Wassermassen auch durch das Atelier Hirsbrunner. In den Räumen im Erdgeschoss stauten sich die Wassermassen ein- bis eineinhalb Meter hoch. Stühle, Tische, Schränke und Stoffballen schwammen umher. Die Schneiderinnen des Geschäftes konnten sich nur noch durch ein Fenster ins Freie retten.

Der deutsche Komponist Johannes Brahms verweilte während drei Sommermonaten des Jahres 1886 bis 1888 an der damaligen Hofstettenstrasse 37. Für Speis und Trank suchte Brahms einen Wein- oder einen Biergarten in der Nähe auf oder verweilte auch gerne im Restaurant Schlüssel auf dem Plätzli. Der zunehmende Individualverkehr führte dazu, dass das ehemalige Brahmshaus an der engen Stelle zusammen mit weiteren 4 Häusern 1930 von der Stadt Thun enteignet und 1932 abgerissen wurde. Heute erinnert dort noch eine Gedenktafel an den ehemaligen Aufenthaltsort des Komponisten.

Mit der Krise des Hoteltourismus in den Weltkriegen setzte die Umnutzung der Hotels ein und ihre Parks wurden grösstenteils mit Wohnhäusern überbaut.

Quellen: Gastort Thun, Thuner Stadtgeschichte 1798-2018, Täglicher Anzeiger für Thun und das Berner Oberland, Band 10, Nummer 200, 8. Juni 1915 Ausgabe 02, TT 07.06.1995, TT 21.05.1997, Thuner Majolika von Hermann Buchs, Diverse

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