Hauptgasse obere

Die Obere Hauptgasse gehört zu den ersten besiedelten Gebieten in Thun. Die Zähringer bauten um 1190 das heutige Schloss und verlängerten die Siedlung unterhalb des Burghügels durch einen Gassenmarkt (Obere Hauptgasse) bis zum heutigen Rathausplatz, der in seiner heutigen Form aber erst um 1500 entstand.

Milchhandlung Bühlmann-Wüthrich, Obere Hauptgasse ThunDie Obere Hauptgasse präsentiert ihren spezifischen Charakter durch ein ungewöhnliches Strassenprofil: Beidseitig hervorspringende untere Geschosse, Hochtrottoirs, Lauben oder Terrassen, bilden eine zweigeschossige Ladenzeile. Mit dem aufkommendem Tourismus verlangten ein Ratsbeschluss von 1821 von den Hausbesitzern den Abbruch der hölzernen Krambuden auf den Hochtrottoirs, wofür sogar Prämien bezahlt wurden. 1822 verschwanden die letzten Buden, gleichzeitig wurden die Hausdächer, die sich über der Hauptgasse fast berührten, zurückgestutzt. 1830 erliess die Stadt detaillierte Bauvorschriften: Der Gasse zugewandte Fassaden hatten aus Natur- oder Backstein zu bestehen, der Neubau von Scheunen war in der Stadt untersagt und Bauvorhaben brauchten eine behördliche Genehmigung. Einen besonderen Schutz erhielt die Hauptgasse. Hier sollte «die Errichtung geräuschvoller oder sonst für das Publikum widerlicher oder feuersgefährlicher Werkstätten (…) für die Zukunft möglichst vermieden» werden. Im Laufe der Zeit wurden die Kellerzugänge in Ladengschäfte umgebaut.

Fritz Schoder erwarb das Haus an der Oberen Hauptgasse 64 1904 vom Apotheker Franz Walter Kocher. Dieser war auch der Besitzer der anstossenden, seit 1786 bestehenden, Apotheke (Nr. 62). Sein Vater hatte das Nachbarhaus 1890 gekauft um den Eingang der beiden Häuser zusammenlegen und ins Haus Nr. 64 zu verlegen können. Dies ermöglichte ihm das Erdgeschoss seiner Apotheke zu erweitern. Der gemeinsame Eingang zu den beiden Häusern besteht noch heute. 1905 liess Fritz Schoder die Werkstatt vergrössern und darüber eine hübsche Laube erstellen. Nach dem Inventar der erhaltenswerten Bauten stammt das Haus aus dem 17. Jahrhundert, dürfte aber im Kern älter sein. Vermutet wird ein prägender Umbau durch Verputz der ursprünglichen Riegfassaden um 1820. Erwähnt werden auch qualitätsvolle Wandtäfer aus dem 18. Jahrhundert, Louis-XVI-Stukkaturen und Felderparkett um 1850. Der liegende Dachstuhl und die Ründeverschalung dürften noch aus dem 17. Jahrhundert stammen. Das Haus gilt trotz verschiedenen Eingriffen als eines der bedeutendsten Thuner Häuser. Im Untergeschoss sind noch Reste des Durchgangs unter den Häusern, der von der Freienhofgasse zum Mühlegässlein führte, zu erkennen.

Caspar Lohner eröffnete 1787 an der Oberen Hauptgasse 58 eine Eisenhandlung, die erst 204 Jahre später, im Jahr 1991 ihre Pforte schloss. Sein Sohn Carl Friedrich Ludwig, machte sich als Politiker einen Namen und war Gründer der rund 800 Seiten umfassenden Lohner-Chroniken.

Zwischen 1830 und 1836 lebte Charles Louis Napoléon Bonaparte, der spätere Kaiser von Frankreich, bei siner Mutter im Haus an der oberen Hauptgasse 56, währendessen er die Militärschule in Thun absolvierte.

Das ehemalige Zunfthaus zu Schmieden an der Oberen Hauptgasse 55 wird bereits 1437 erwähnt. Es hat 1777 anlässlich eines Umbaus die Fassade erhalten.

Die älteste Schuhhandlung der Stadt war über 145 Jahre im Haus Obere Hauptgasse 30 ansässig. Im Dezember 2015 schloss die Schuhhandlung Gräub ihre Pforten.

In der Obere Hauptgasse 27 befand sich die Apotheke Schürch und ab 1932 das Dancing «Gartenmann en Ville», der sogenannte «Gartemutsch» mit einer Tanzplatte aus Spiegelglas. Eine kleine Bar und eine in den Schlossberg gehauene Felsengrotte bereicherten ebenfalls das Etablissement. Nach langer Umbauzeit konnte Alfred Gartenmann 1952 sein neben dem «En Ville» liegendes «De la Paix» vorstellen. Neue Räume erstrecken sich tief in den Berg. Besonders originell ist die zuhinterst direkt an die Nagelfluh angebaute Voliere mit allerlei exotischen Vögeln. Ab den 1960er-Jahren entstand dort das «Oasis», der erste Cabaret-Nachtklub – im Volksmund «Kameltränke» genannt. Im Jahr 1986 etablierte sich das «Borsalino», später die Nachfolgebetriebe «Saint Trop» und «Joker» und ab 2016 das «Loft 27».

Am 17. November 1862 eröffnete die Kantonalbank von Bern ihre erste Thuner Filiale im 1. Stock an der Oberen Hauptgasse 12 als Mieterin, bis sie dann Ende der 1870er Jahre an die Allmendstrasse später ins Bälliz und danach an den Maulbeerplatz zog. Die Büroräumlichkeiten befanden sich im östlichen Eckzimmer über dem Verkaufsgeschäft der Familie Baumann, welche dort von 1864 bis 1995 in vier Generationen eine Eisenwarenhandlung führten. Heute erinnert noch das Baumann-Gässchen an die damalige Zeit.

Unter dem Zunfthaus zu Schuhmachern (obere Hauptgasse 36) führt das Mühlegässchen. Der gewölbte Durchgang zur Mühle diente ursprünglich nur den Fussgängern. Er wurde mehrmals erweitert und erhielt 1950 seine heutige Form.

Rathausapotheke

Der Apotheker Joh. Gabriel Trog wurde am 16. Mai 1781 in Thun geboren. Damals wurde der Apothekerberuf noch rein praktisch erlernt. Das geschah in der Apotheke Allamand in Lausanne. Joh. Gabriel mußte dann später aus Mühlhausen zurückkehren,um als Feldapotheker bei Neuenegg zu dienen. Nachdem der Frieden wiedergekehrt, schloß Trog seine Studien in Strassburg und Paris ab. 1802 heiretete er und übernahm um 1805 an der Oberen Hauptgasse 9 die Koch’sche (nicht Kocher’sche) Apotheke in Thun von Johann Heinrich Koch (1706—1787). In den folgenden 30 Jahren widmete sich Gabriel Trog vor allem der Apotheke und seinem Lieblingsstudium, der Botanik. Ausserdem widmete er sich den weniger erforschten Moosen und Pilzen und das tat er fast ausschließlich, bis er 1834 die Apotheke seinem Sohn Gabriel übergab. 1972 zog die Rathausapotheke von der Oberen Hauptgasse 9 an die Obere Hauptgasse 33 und gilt als die älteste Apotheke von Thun. Interessanterweise befand sich an der Hauptgasse 9 im Jahr 1996 bis 2001 wiederholt ein Geschäft mit einem Bezug zu Drogen: Der Thuner Hanfcenter, der erste Laden, welcher in Thun Hanfprodukte verkaufte. Fast 400 Jahren konkurrenzierte sich die Rathausapotheke mit der nur einige Meter auf der anderen Strassenseite entfernten:

Schlossapotheke

Die etwas jüngere Schlossapotheke wurde mit Sicherheit vor 1782 gegründet und befand sich an der Oberen Hauptgasse 62. 1786 verstarb der damalige Besitzer, alt-Stadtschreiber A. Kocher. Viele Jahrzehnte und Besitzerwecheseln später  übernahmen 1985 Thomas und Corina Fellmann die ehemalige Apotheke von A. Kocher, bauten sie total um und gaben ihr den Namen Schlossapotheke. 1997 übernehmen die beiden die Rathausapotheke und wechselten von der Oberen Hauptgasse 62 in deren Domizil in die Obere Hauptgasse 33. Die ehemalige “Rathausapotheke” heisst von von da an “Schlossapotheke”.

Der ehemalige obere Teil der Hauptgasse vom Lauitor bis zur ehemaligen Kreuzgasse (Freienhofgasse), wird im Kapitel Plätzli & Kupfergasse separat behandelt. Im Bereich der Oberen Hauptgasse 5 gibt es einen Viewpoint. Zahlreiche, von dort geschossene Bilder gibt es hier zu sehen.

Quellen: Thun Türme, Tore und Gassen nach 1800 von Peter Küffer, Thuner Stadtgeschichten 1798 – 2018, Inserat im: Täglicher Anzeiger für Thun und das Berner Oberland, 27. Mai 1896, TT 01.06.1995, Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern, Band 61, Nummer 99, 12. Dezember 1914, Kantonalbank von Bern Thun : 1862 – 1962 von O. Schürch, OT 22.04.2032, Heinrich Kasimir Lohner. Obere Hauptgasse 58 Vom stetigen Wandel eines Wohn- und Geschäftshauses in der Thuner Altstadt, Diverse

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