Gerberkäse Thun

1836 gründeten Johann und Christian Gerber in Langnau im Emmental ein Unternehmen namens Gerber & Co., ursprünglich als Käse-, Fell- und Lederhandel. Um 1850 zog das Unternehmen nach Thun, wo es sich zunehmend auf Milchprodukte und Käsehandel spezialisierte.

Im Jahr 1860 kaufte Walter Gerber (1879–1942) zwischen der damaligen Bahnhofstrasse, der heutigen Gewerbestrasse und der Allmendstrasse ein Grundstück. Gerber war ein innovativer Geist. Inspiriert vom Berner Professor Robert Burri, der die konservierende Wirkung von Natriumcitrat auf Lebensmittel untersucht hatte, pröbelte er in seinem Versuchslabor etwa sechs Jahre zusammen mit seinem Prokuristen Fritz Stettler, im ersten Stock der Thuner Villa Gerber, wie man Käse haltbar machen könnte.

Am 18. Juli 1913 war es dann so weit: Beim Zusammenfügen von zwei Lösungen bildete sich eine cremig gelbe Masse. Fügte man dieser geriebenen Emmentaler bei, entstand Käse, der sich schmelzen liess, gleichzeitig aber auch haltbar und bekömmlich war. Der Schmelzkäse war geboren. Unter der Bezeichnung «Fleur des Alpes» wurde er an der Schweizerischen Landesausstellung 1914 mit der Goldmedaille ausgezeichnet und in einer tropensicheren Blechverpackung der Firma Hoffmann produziert.

Dadurch wurde es möglich, Käse nach Amerika zu exportieren, ohne dass dieser auf der langen Überfahrt verdorben wäre, was bei den ganzen Käselaiben immer wieder passierte. Dieser erste Schmelzkäse aus Thun war noch nicht portioniert, wie er es heute ist, sondern im Prinzip ein kleiner Käselaib, der in eine Aludose verpackt wurde. Es handelte sich dabei um einen Käse mit leichtem Emmentalergeschmack, wie der besuchte Produzent erzählt. Dieser Schmelzkäse gehörte zu den allerersten Convenience-Produkten.

Wenige Jahre später begannen auch andere Schweizer Käsefirmen mit der Herstellung von Schmelzkäse. Bald einmal hatten die Aludosen als Verpackung ausgedient, da in den angebrauchten Metalldosen der Käse am Rand auszutrocknen pflegte. Man suchte nach einer neuen Verpackungsart und kam alsbald auf Rundpackungen aus Karton. Schon im Jahr 1930 bot der besuchte Produzent in Folien eingepackte Käseportionen in einer Kartonpackung an. Seit 1936 gibt es die Gala-Chäsli und seit 1960 das Fertigfondue.

Zwischen 1911 und 1952 entstand entlang der Allmendstrasse ein großer Industriekomplex rund um die Gerberkäseproduktion.

Die Weltkriege sorgten für grosse Einschränkungen bei der Schmelzkäseproduktion: Im Ersten Weltkrieg wurde der Export komplett gestoppt und im Zweiten Weltkrieg konnte die Produktion nur deswegen aufrecht erhalten werden, weil man die Schweizer Armee versorgte. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg das Produktionsvolumen für Schmelzkäse an. Immer neue Sorten und Geschmacksrichtungen wurden entwickelt, im Jahre 1950 kam der Schmelzkäse in Scheibenform dazu.

Im Jahr 1966 erfolgt ein moderner Neubau entlang der Bahnlinien, wobei allerdings das Eckhaus aus dem Jahr 1875, der ehemalige Schweizergarten und das spätere Café des Alpes inklusive der dazugehörenden Pension und der Gerber-Bar abgebrochen werden musste. Die Firma beschäftigte zeitweise über hundert Mitarbeitende und war ein wichtiger Arbeitgeber in der Stadt.

2002 übernahm der Großkonzern Emmi die Gerberkäse AG. Ab dem Jahr 2004 wurden drei der grössten Schweizer Schmelzkäsefirmen unter einem Dach vereint. Durch das Zusammenführen von Know-how konnte die Produktion weiter rationalisiert werden; 2009 wurde die Produktion von Thun nach Langnau verlegt. Der Werkkomplex an der Allmendstrasse wurde 2012 abgebrochen, womit ein bedeutender Zeitzeuge der Thuner Industriegeschichte verschwand.

Aus der Ära Gerber Käse blieben bis heute nur zwei Bauten erhalten: Die 1865 erbaute neoklassizistische Villa Gerber mit dem markanten Kopfbau am Guisanplatz  und das repräsentative, wohlproportionierte ehemalige Geschäfts- und Lagerhaus an der Gewerbestrasse 4, erbaut von Alfred Lanzrein 1920 für die Samenhandlung Schweizer & Cie. Es beherbergt heute das Boutique-Hotel und Restaurant Spedition.

Quellen: Thuner Stadtgeschichten, Schmelzkäse, Seilbahnen, Uhrensteine und Maschinen – erfolgreiche Industriebetriebe im 20. Jahrhundert (Gerberkäse AG, Entwicklung des Schmelzkäses, Fabrik an der Allmendstrasse); Emmi Group, Unternehmensgeschichte Gerber / Emmi (Übernahme der Gerberkäse AG 2002, Verlagerung der Produktion); Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Stichwort: Gerber, Walter (1879–1942), Biografische Angaben und Einordnung der Erfindung des Schmelzkäses, Schweizerische Landesausstellung 1914, Ausstellungsberichte zur Auszeichnung des Gerber-Schmelzkäses („Fleur des Alpes“); Diverse

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